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Eleve am Theater in der Josefstadt –
Als Kritiker Gunn in »Fannys erstes Stück«
Gerade in Richtung Berlin abgereist, ist Anton Kuh wieder retour in
Wien: auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt.
Er hat sich gewappnet. Nachdem er seine grundlegenden Beden-
ken – »Soll sich der Kritiker seinen Feinden auf jenem Gebiet als Fraß
hinhauen, wo er eben noch Rhadamanthys oder Cerberus in einer Person
war? Sein stotterndes, erhitztes Neulingstum zur Schau stellen? Und
nun gar obendrein in der Rolle eines Kritikers, seinem unantastbaren,
reservaten Amte?«1
– beiseite geschoben hatte; nachdem er sein Bauch-
weh niedergerungen und das Himmelfahrtskommando angetreten hatte,
sich als nicht gerade zimperlich zu Werke gehender Rezensent unter die
Mimen zu wagen, um einen Rezensenten zu mimen
– »Wer der beiden
persönliches Verhältnis zueinander kennt, wer diesem Zusammenstoß
der Gekränktheit mit dem schlechten Gewissen oder der Gunstbuhlerei
mit der Verlegenheit schon einmal angewohnt hat«, könne sich seine
Lage ausmalen2; nachdem er die »Verlegenheit des Dilettanten« weg-
gesteckt hatte, der sich »wie ein zu spät in die Schule eingeschriebener
Nachzügler vorkommt, dem alles Gerede und Gelächter der neuen
Kollegen bereits als ein undurchdringliches, weil eben nicht von der Pike
auf mitgelerntes Diebsidiom ins Ohr klingt«3; nachdem er die gönner-
hafte Herablassung manch eines Kollegen vom Metier bei der Proben-
arbeit ungerührt über sich ergehen hatte lassen, das Gekicher in den
Kulissen, sobald er, der Theaterneuling, Lampenfieber schon auf der
Probe, seinen Part ablieferte, überlaut, falsch betonend, über den Text
hinweghastend; nachdem er den maliziösen Ratschlag seines »Doppel-
kollegen« (»nämlich: in Satyr und Apoll«4) Egon Friedell, der einen
längeren Disput im Direktionszimmer darüber, wie er, Kuh, sich selber
darstellen solle, mit dem Ausruf beendet hatte: »Beruhigen Sie sich –
wenn Sie sich selbst spielen, wird Sie niemand erkennen!«, souverän
weggesteckt hatte (erst kurz danach sei ihm gedämmert: »sich spielen!«
–
die ganz hohe Kunst, man müsse sich dabei ganz objektiv, als Figur
sehen. »Jetzt war die Sache noch schwerer. Ich? Wer bin ich? Wie sehe
ich aus? Wie spreche ich, gestikuliere ich, bewege ich den Mund?«5);
nachdem er all diese Fährnisse mehr oder weniger souverän gemeistert
hatte, mußte er immer noch den kollegialen Kritiken, die da dräuten,
ins Auge sehen. Und um die Packung, die von den werten Kollegen zu
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien