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räusche tönten leer und blechern, die Stimmen waren in ihrer Tonlage
verfälscht und schienen nicht aus den Mündern zu kommen, sondern aus
irgendeiner Ecke hinter ihnen, nicht zu den Personen gehörig, wie »hör-
bare Spruchbänder«3; manche Konsonanten kamen überhaupt nicht
– es
war eher die Regel als die Ausnahme, daß fünfzig Prozent des gespro-
chenen Texts eines Tonfilms unverständlich blieben. Nicht von ungefähr
wurde das neue Medium häufig abschätzig »Geräuschfilm« genannt.
Am Ende des ersten (deutschen) Tonfilmjahrs, 1930, war der »spre-
chende Film« allenfalls ein Versprechen für die Zukunft. Die »natür-
liche« Bild-Ton-Einheit scheiterte nicht nur an ungenügenden Auf-
nahme- und Wiedergabeapparaturen, sondern auch an der anfänglichen
Ratlosigkeit der Regisseure, wie sie mit dem »tönenden Film« umgehen
könnten, der ja nicht einfach stummer Film plus Ton war, sondern etwas
grundsätzlich Neues.
Die Reaktionen auf die Erstaufführung des »Singenden Narren« im
Gloria-Palast am Kurfürstendamm am 3. Juni 1929 sind denn auch ge-
spalten. So beantwortet etwa Herbert Ihering die von ihm gestellte
Frage, ob der erste Tonfilm das überspannte Interesse, das ihm entgegen-
gebracht worden ist, lohne, was die technische Seite betrifft, mit einem
klaren Ja. Eine neue Filmform hingegen sei im »Singenden Narren«
allenfalls zaghaft »vorgedeutet«, was hier unter Tonfilm firmiere, sei
noch »der gute alte, stumme Film mit Zwischentexten«, bei dem nur die
Musik »mechanisch mit ablaufe«. Und erst das ganze »Gefühlssacharin«:
»Alle Verlogenheiten der absterbenden Kitschoperette, alle Unerträg-
lichkeiten des toten Melodramas, alle Scheußlichkeiten des in die Vor-
städte und Provinzkinos abgedrängten Groschenfilms, alle bekämpften
und fast erledigten Schmelzsentimentalitäten der Musik drängen sich
hier wieder, programmatisch anspruchsvoll, in das Zentralinteresse der
Welt. […] Jetzt wird das Unmodernste, Abgetakeltste auf dem Umweg
über die raffinierteste Technik wieder diskussionsreif, erlebnisnah, thea-
terfähig gemacht. Die modernste Erfindung fördert den modrigsten
Schund.«4 Von einem schmalzigen »Riesenschmarren« und offenbar der
Geschäftstüchtigkeit der Filmindustrie geschuldeten »Orgien an Senti-
mentalität« spricht auch Siegfried Kracauer, der zudem die undeutliche
Wiedergabe des gesprochenen Dialogs der mit Untertitelung vorge-
führten Originalfassung bemängelt. Viel nachdrücklicher als technische
Unzulänglichkeiten moniert Kracauer die Unverbundenheit von Spre-
cher und Dialog sowie die starre Kamera: eine »Selbstverstümmelung«,
die weit hinter das vom stummen Film kinematographisch Erreichte
zurückfalle und nicht einmal »photographiertes Theater« – der Stan-
dardvorwurf früher Tonfilmkritik – sei.5
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien