Seite - 257 - in Anton Kuh - Biographie
Bild der Seite - 257 -
Text der Seite - 257 -
257
versengtes Gehirn.15 Kuh zieht im »Sach-Lexikon« unter Stichworten
von »Atelierkrach« über »Picturemaker« und »Sex-Appeal« bis »Welt-
erfolg« die Branche durch den Kakao16, decouvriert die Banalität und
Biederkeit, die sich hinter klingenden Künstlernamen und Starallüren
verbirgt, veräppelt die vergötterten Stars in einer Parodie auf die Fan-
Zuschriften an Filmillustrierte17, gießt Spott und Häme aus über die
Blasiertheit und Wichtigtuerei unter dem dicken Fettbelag der Film-
schminke all jener, die in der Filmkantine hauptberuflich ihr Gesicht vor
sich hertragen: »Blick ringsum und errechne dir die Kunst jedes einzel-
nen! Sie besteht aus: 60 Prozent Warten, 25 Prozent Geschminktsein,
14,8 Prozent Photographiertwerden und 0,2 Prozent Gestaltungskraft.
Dieser letzte Prozentsatz steigt in manchen Fällen
– Charles Laughton,
Greta Garbo
– bis auf 7,2. Er sinkt aber, wenn dem Star Vornamen wie:
Willy, Lili, Puzzi, Hedi, Heidi, Günther, Ralf, Rolf, Wulf und Grit
vorangehen, ohne daß wir’s merken, bis auf Null.« Mit dem desillusio-
nierenden Resümee: »Fremde sollten in Filmkantinen keinen Zutritt
haben. Nach der Mittagspause haben sie keine Ideale mehr.«18
Er polemisiert gegen die optische Übersättigung mit dem »Zucker-
backwerk der Gefälligkeit«, für das die Zeitgenossen den Ausdruck
»fotogénique« prägten, gegen den prominenten Film-Liebreiz, gegen die
»Girls und Vamps und Flappers von hüben und drüben, mit Flatter-
wimper und Schelmenpupille, mit Wuschel-, Rangen- und Struwwel-
haar, mit dem kapriziös geöffneten Ovalmund, den Stumpfnäschen und
Zahnpasta-Gebissen und dem ganzen, zwischen Betulichkeit und Be-
gehrlichkeit wechselnden Mienenspiel«.19 Und setzt dagegen das Lebens-
wahre, Dokumentarische in den Gesichtern des Erich-von-Stroheim-
schen »Hochzeitsmarsches«. Nur die »Dummheit des Metiers« konnte
auf die Idee kommen, diese original altösterreichischen Physiognomien
als gehässig gezeichnet zu apostrophieren. Das sei, ganz im Gegenteil
–
bei allem überbordenden Walzertraum-Sentiment –, ein »Versuch zur
Natürlichkeit«. »Aber das Filmhandwerk als Ganzes hat sich derart an
die sirupsüße, rosenrote, faxenhafte Unwirklichkeit gewöhnt, daß man
den leisesten Ansatz zu einer Entsüßlichung, Entblödung bereits als
Daumiersche Verzerrung nimmt, als eine Goya-Welt von Hexen und
Gnomen.«20
Wie und warum verschlägt es Anton Kuh dann – gerade in der Um-
bruchphase vom Stumm- zum Tonfilm – überhaupt zum Film? An-
zunehmen, daß es derselbe dumme Zufall ist, der ihn 1930 als Schneider-
gehilfen in die parodistische Filmoperette »Wie werde ich reich und
glücklich?« nach der Musik von Mischa Spoliansky rutschen ließ. Er
faßte hartnäckig Posten im Vorzimmer Manfred Liebenaus, des Produk-
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien