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A. G., die »Maria Stuart« produzierte, es tatsächlich darauf angelegt
hatte, die große Kunst eines Theaterregisseurs dem Film dienstbar zu
machen, oder ob die Punze »Leopold-Jessner-Film«, unter der »Maria
Stuart« firmierte, nur eine wirksame Werbemaßnahme war, steht dahin.
»Maria Stuart« ist kein verfilmter Schiller. Das historische Gemälde
mit schicksalhaft düsterem Grundton erzählt des langen und breiten die
ganze verworrene Vorgeschichte bis zur Gefangensetzung der Königin
von Schottland. Die Aneinanderreihung breit ausgemalter Episoden
entwickelt keine Dynamik, die Bemühung um historische Treue geht zu
Lasten der filmischen Wirkung. Im Versuch, alle historischen Zusam-
menhänge wenigstens stichwortweise wahren zu wollen, verzettelt sich
der Film – im wahrsten Sinn des Wortes: Der Film arbeitet viel mit
Titeln und läßt den Inhalt mancher Szenen aus Dokument-Texten von
der Leinwand ablesen. Die Personen handeln weniger, als daß sie die
verbindenden Bilder zum Text liefern. »Ununterbrochen werden Doku-
mente unterschrieben, verloren, gesucht, auf den Kehricht geworfen,
im geheimsten Ort entdeckt. Tinte und Papier, das ist das filmfeindliche
Element dieses ›Frauenlebens‹. Was Bild und Anschauung werden
müßte, wird Tinte, was in Bewegung zucken sollte, erstarrt in Papier«,
moniert denn auch der Kritiker der »Vossischen«, Monty Jacobs, der
überdies an dem Film, der zum einen am Buchstaben des Geschichts-
buchs hafte, die
– zum anderen
– Anachronismen beanstandet: Warum
diese Badewannen, Billards, Volksaufläufe mit Plakaten, warum Fanta-
siekostüme – und eine Königin mit Bubikopf?26
Anachronismen, von denen man annehmen kann, daß sie nicht »pas-
siert« sind: Die wüsten Kumpane des historischen Schottland dürften
nicht nur den anonymen Rezensenten des Berliner »Vorwärts« »nur zu
sehr an unsere nationalen Fememörder von heute« erinnert haben.27
Denn die historischen Figuren tragen zwar historische Kostüme, »Maria
Stuart« ist aber beileibe kein Kostümfilm – ein Genre, das man schon
überlebt geglaubt hatte –, der auf den Schauwert von verstaubten De-
kors setzte, in den Kostümen bewegen sich »moderne Menschen mit
lebendigen Köpfen. Ohne Klebebärte und Moosperücken«, beobachtet
der Rezensent der »B. Z. am Mittag«.28 Franz Blei ätzt über einiges, was
gar zu up-to-date ist: »Maria Stuart ist unserer Zeit so nahe gebracht,
daß man ihr im Autobus begegnen könnte oder mit den Händen am
Volant ihres Cadillac. Ich fand es unpassend, daß Herr Kortner, der den
Both well spielte, immer seine Zigarre weglegte, wenn er vor den Appa-
rat trat.«29
Historisch getreu hingegen und unschillerisch, daß keine Begegnung
der beiden Rivalinnen stattfindet. Während Schiller sein Drama ganz
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien