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mit einer schwarzen Maske. Der Staatsanwalt glaubt ihr das nicht,
sondern hält sie aufgrund von Indizien für eine Mörderin. Der Verteidi-
ger bringt eine dritte Version der Ereignisse ins Spiel: Professor Bunter-
bart habe, nachdem er in den Besitz von Klarissas Briefen an deren Ge-
liebten gekommen ist, edelmĂĽtig Suizid verĂĽbt und einen Raubmord nur
vorgetäuscht, um dem Liebesglück seiner Frau nicht im Weg zu stehen.
Diese drei Versionen werden bildlich ausgefĂĽhrt und rollen vor den
Augen der Geschworenen ab. Und zwar keine so ĂĽberzeugend, daĂź man
zum Schluß wirklich wüßte, was sich nun tatsächlich zugetragen hat.
Das Sujet an sich ist nicht sehr weit von der Schablone »Eine Frau
zwischen zwei Männern« entfernt, das originelle Drehbuch und die be-
achtenswerte Regie Friedrich Fehérs tragen jedoch die zehn langen Akte
des Films, die durch die geschickt aufgebaute Spannung nie langweilig
werden. Bis zum Schluß – und darüber hinaus – wird das Publikum
ĂĽber Schuld oder Unschuld der Angeklagten im unklaren gelassen. Sie
wird zwar freigesprochen, ihr Bild wird indessenÂ
– ein weiterer geschick-
ter KniffÂ
– in den einander widersprechenden Zeugenaussagen gezeich-
net, so daĂź sie bald als Unschuldige, bald als Schuldige erscheint. Dem
Kinobesucher, demÂ
– ein weiterer KitzelÂ
– vor den Gerichtssaalkiebitzen
im »Sensations-Prozeß«, in dem die Öffentlichkeit von der Gerichts-
verhandlung ausgeschlossen wird, das Privileg zukommt, der Verhand-
lung beizuwohnen, bleibt die Rekonstruktion der Zusammenhänge
überlassen. Was tatsächlich in jener Nacht geschehen ist, bekommt er
nicht zu sehen, nur die drei Versionen des Tathergangs. Damit ist »jeder
sein eigener Sherlock Holmes«, wie es in der Besprechung der »Neuen
Freien Presse« heißt.40 Der Gerichtshof fällt ein Urteil, doch die große
Frage nach Schuld oder Unschuld bleibt im Zwielicht der Vermutungen
unbeantwortet.
Der Kinobesucher bekommt die drei Versionen tatsächlich zu sehen:
Was vor Gericht verhandelt wird, ist filmisch wiedergegeben und nicht
in Zwischentiteln und wird von der Regie, die sich auf ein glänzendes
Schauspieler-Ensemble (Gustav Rickelt als Vorsitzender des Schwur-
gerichts, Gustav Diessl als Verteidiger, Siegfried Berisch als Geschwore-
ner, Georg Paeschke als Tischler) verlassen kannÂ
– nur Magda Sonja, so
die Rezensenten einhellig, vermag nicht zu überzeugen –, bis in die
kleinsten Szenen virtuos ins Bild gesetzt. Die Kamera (Carl Hassel-
mann) wandert in ständiger Bewegung durch die ganze Wohnung und
fängt die unheimliche Atmosphäre des Tatorts geschickt ein, läßt den
Blick durch die Zimmer streifen, an zerwĂĽhlten Betten, verstreuten
Kleidern und umgestĂĽrzten StĂĽhlen vorbeiÂ
– ruft gleichsam das Inven-
tar als stummen Zeugen aufÂ
–, bis sie plötzlich am Toten hängenbleibt.
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter SchĂĽbler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien