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Anton Kuh - Biographie
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264 Bemerkenswert auch, wie die Aussagen der Angeklagten vor Gericht perspektiviert sind: Immer, wenn sie zu Intima befragt wird, ist im Hintergrund der Richtertisch zu sehen. »Ihr Eheleben spielt sich also gleichsam vor dem großen Publikum ab  – drastischer kann die Schwie- rigkeit der Enthüllung privater Dinge in der Öffentlichkeit kaum ver- mittelt werden«, bringt Siegfried Kracauer diesen Aspekt des Prozesses auf den Punkt41 und markiert damit auch die Stoßrichtung, die Kuh unübersehbar angelegen war. Wenn er gleichsam einen Indizienbeweis der Fragwürdigkeit von Indizienbeweisen führen wollte, dann ist ihm das, folgt man der Niederschrift der Berliner Film-Oberprüfstelle vom 19. März 192842, gelungen. Diese Oberprüfstelle weist die Entscheide, die zweimal ein Verbot des Films nach sich gezogen hatten, teilweise zurück, beharrt aber auf der Eliminierung eines ganzen Aktes, in dem die Angeklagte als Opfer »ge- richtlicher Folterung« erscheint und »zur Märtyrerin und zum Gegen- stand des Mitleids des Beschauers gemacht wird«, sowie jener »Bildfol- gen […], die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes in die Ausübung der Rechtspflege zu erschüttern und damit die öffentliche Ordnung zu gefährden«. Es mußten also etwa einige Passagen geschnitten werden, in denen ein beisitzender Richter schläft; eine Szene, in der einer der Geschworenen beim Betrachten eines Aktbildes der Angeklagten sich ein Monokel einklemmt und die hinter ihm stehenden Geschworenen das Photo der ehemaligen Tänzerin stieräugig verschlingen; und Sze- nen, die »geeignet sind, Zweifel in die Objektivität des Staatsanwalts und damit der Rechtspflege, deren Organ er ist, zu setzen«. Auch wenn der Film an zwei Dutzend Stellen geschnitten werden mußte, blieb die Darstellung der Gerichtsverhandlung deutlich genug satirisch. Er erntete durchwegs sehr gute Kritiken, in Österreich, wo er im Sommer 1928 unter dem Verleihtitel »Madame Steinheil« lief  – dem historischen Vorbild für Max Brods Schauspiel, einem aufsehen- erregenden Pariser Kriminalfall und Prozeß der Jahre 1908, 1909  –, von den Paimannschen »Filmlisten« gar die »Gesamtqualifikation: fast ein Schlager«.43 Ob tatsächlich die »Grundfesten des Staates« gewackelt, der Staats- bürgerinnen und Staatsbürger Sittsamkeit einen unheilbaren Knacks bekommen hätte, wenn dieser Film, dessen Handlung vermutlich nicht von ungefähr in Wien angesiedelt ist, ohne Zensurschnitte in die Kinos gekommen wäre, steht dahin. Ob der juridische Schnitzer, der Kuh in seinem nächsten Drehbuch unterläuft, eine Retourkutsche dafür ist, daß er im »Sensations-Prozeß« den Staatsanwalt nicht schlecht wegkommen lassen durfte, ebenso: In »Hotelgeheimnisse. Die Abenteurerin von
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Anton Kuh
Untertitel
Biographie
Autor
Walter Schübler
Verlag
Wallstein Verlag
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Abmessungen
13.8 x 22.2 cm
Seiten
576
Kategorie
Biographien
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