Seite - 274 - in Anton Kuh - Biographie
Bild der Seite - 274 -
Text der Seite - 274 -
274
trotz ihrer verstandesbegeisterten Zustimmung des Herzenstones ent-
behrenden Anerkennungen für seine Berliner ›Wahlheimat‹ streute Kuh
zum jeweiligen Thema passende Skizzen und Aphorismen, solcherart
das Programm des Abends zu einem der vergnügtesten gestaltend, das
man aus dem Stegreif eines Conférenciers hören kann.«74
Als hätten die Vorfälle rund um die Skandalisierung des Josephine-
Baker-Auftritts nicht gereicht, die Entscheidung Kuhs, die »fortschrei-
tende Vertrottelung« Österreichs zu fliehen, im nachhinein mehr als zu
rechtfertigen, wird der »Exilant« darin durch einen weiteren Vorfall be-
stärkt. Nach einem Kino- und anschließenden Kaffeehausbesuch im
Prater geht die zweiundzwanzigjährige Küchengehilfin Franziska E. am
21. April 1928 auf dem Nachhauseweg gegen 1 Uhr nachts die Heine-
straße (vormals Kaiser-Joseph-Straße) entlang. Der Wachmann Julian
Burnadz fordert sie auf, sich auszuweisen. Ihre Antwort: »Ich heiße
nichts, das geht Sie einen Schmarrn an, Mistelbacher! Suchen Sie lieber
Einbrecher, mich lassen Sie in Ruh!« Burnadz erklärt sie daraufhin für
festgenommen. Franziska E. widersetzt sich der Festnahme. Bei dem
Handgemenge während der »Amtshandlung« wird ihr der Arm ge-
brochen. Ein Schöffengericht verurteilt Franziska E. am 2. Juni 1928
»wegen Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit« zu sechs Wochen
schweren Kerkers. In einem offenen Brief versichert Kuh das »hold-
selige Kind« seiner Anteilnahme: »[S]ieht’s nicht aus, als wenn wir uns
verabredet hätten? Oder in einem Geheimbund zusammensässen? Denn
im Vertrauen gesagt: wegen ein und desselben Ausdrucks ›Mistel-
bacher‹, an die gleiche Adresse gerichtet, bin ich vor Jahr und Tag von
einem Wiener Bezirksgericht zur (milden) Strafe von 20 Schillingen
verurteilt worden. Ich bin stolz darauf, dass ich im Zorn die Sprache des
Volks spreche
– oder das Volk die meine. / […] Liebe Franziska E., ich
habe für Sie, und darum schrieb ich Ihnen, einen kleinen Trost. Sie
haben vielleicht schon davon gehört, dass in Berlin heute merkwürdig
viele Wiener – und gerade Künstler und Schriftsteller, also Menschen,
die gern freier leben – sesshaft sind. Wissen Sie, dass das mit Ihrer ab-
scheulichen Geschichte zu tun hat? Die meisten dieser Ausgewanderten
sind mit Ihnen eines Sinnes. Denn
– mag Geld, Arbeit, Ehrgeiz und was
immer noch mitspielen – sie hätten die schöne Heimat trotzdem nicht
verlassen, wenn es heute nicht jeder Frau passieren könnte, dass ihr um
1 Uhr nachts auf der Kaiser-Josefs-Strasse von einem Wachorgan der
Arm ausgerenkt wird; und dass dafür sie in den Kerker muss und nicht
der Wachmann; und dass man auf Weltstadtsünden in solcher Dorf-
manier Jagd macht; kurz: wenn man sich nicht auf allen Wegen und
Stegen mit Grund in die gefährliche Lage versetzt fühlte, den Ausdruck
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien