Seite - 275 - in Anton Kuh - Biographie
Bild der Seite - 275 -
Text der Seite - 275 -
275
›Mistelbacher‹ zu gebrauchen. Und dafür zu zwanzig Schillingen Geld-
strafe verurteilt zu werden
– / wie der Schreiber dieser Zeilen.«75
Neben der wienerischen Neidgesellschaft hat Kuh bei seiner Über-
siedlung nach Berlin eine weitere Hypothek im Gepäck: »Kraus und
die Folgen«, genauer: »Karl Kraus und die Krausianer«. Kuh machte
sich schon in Wien einen Sport daraus, Kraus zu frotzeln, und er be-
treibt das in Berlin munter weiter. Unter dem Titel »Der Rundreise-
Befreier« berichtet er im Mai 1928 im »Neuen Wiener Journal« vom
schwachen Besuch der acht Vorlesungen, die Kraus Ende März, An-
fang
April des Jahres im Berliner Schwechten-Saal gehalten hat
– selbst
das spärlich erschienene Publikum habe nur durch Nötigung seitens
der Berliner Kraus-Gemeinde und durch großzügiges Verteilen von
Freikarten zum Erscheinen bewegt werden können
–, und veräppelt im
Vorbeigehen in einem prophetischen Zusatz in runden Klammern die
Prozeßhanselei und Berichtigungsmanie Kraus’: »Doch siehe – oder
gar nicht siehe, vielmehr: siehste! –: die Säle waren halb und dreiviertel
leer. (Zu berichtigen – aber zu beweisen.)«76 Oskar Samek, Rechts-
anwalt und von Kraus damit beauftragt, gegen das »Neue Wiener
Journal« eine Klage auf »Widerruf dieser unwahren Behauptungen und
Veröffentlichung derselben einzubringen«, da es in der »Kampflinie«
seines Mandanten liege, »derartige Ungehörigkeiten der Presse durch
gerichtliche Ver folgung feststellen und sühnen zu lassen«, begehrt
von der Konzert-Direktion Hermann Wolff und Jules Sachs Auskunft
über die Saal
auslastung und die Anzahl der ausgegebenen Freikarten.77
Und muß nach Kenntnisnahme der detaillierten Aufstellung von einer
Berichtigungsklage absehen – »die Säle waren halb und dreiviertel
leer«.
Klarzustellen, wie ernst es ihm, Kuh, dem gern das Etikett »Amü-
sant!« umgehängt wird, in Wirklichkeit ist, liefert Cultusminister Becker
die Gelegenheit. Der »Sinn des Feuilletonteils, sofern er überhaupt Sinn
hat«, kann für Kuh nur in der Anarchie liegen, »die innerhalb seiner
Grenzen im Gegensatz zum Obern-Strich-Rayon herrscht«; und »im
Wettbewerb der Feuilletonisten« ist für ihn derjenige der beste, »der die
eigenste und freieste, sagen wir ruhig: verantwortungsloseste Welt«
denkt.78
Diese Maxime findet sich 1928 in einer sarkastischen Glosse über die
defensive Halbheit und Kompromißlerei der politischen Mitte der Wei-
marer Republik, die mit ihren ebenso bieder-naiven wie zeremoniös ins
Treffen geführten Parolen, die da lauten »Takt« – »Sachlichkeit« –
»Verantwortung« – »Würde«, längst die Macht verspielt hat und ver-
wundert ihre Felle davonschwimmen sieht.
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien