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mern auf Aufforderung Smith’ im Chor mitgeflüstert und mitgepfiffen
werden, beinah ausgelassen.
– Was Wille zum Amüsement und gepfef-
ferte Eintrittspreise alles vermögen!
Kuh, der den Abstecher nach Wien zu einem Stegreif-Auftritt nutzt,
gibt’s ein bißchen billiger als Jack Smith. Bescheidene zwei bis acht
Schilling (je nach Platz) muß man sich’s kosten lassen, um ihn über
»Österreich und den Goldfüllfederkönig« zu erleben (beim »Flüster-
bariton« war das Dreifache zu berappen). Ernst Winkler, ehe-
mals Geschäftsmann in Schreibwaren und Füllfedern, der
»Goldfüllfederkönig«, hat die Wiener Behörden in den zwan-
ziger Jahren oft und oft mit abstrusen Mystifierungen – sein
Reklametrick
– an der Nase herumgeführt. Anton Kuh schreibt
ihm, das Ganze auf die Spitze treibend, gar die Autorschaft am
Ultimatum an Serbien zu: »die Amts- und Militärstellen konnten das
Übel nicht mehr aufhalten. Und Franz Joseph soll, als man ihm das
Furchtbare mitteilte, ausgerufen haben: ›Lass’ mr ihn!‹ / So hat sich
Winkler (Ernst I.) mit goldener Füllfeder ins Buch der Geschichte
eingetragen.«85 Im Sommer 1928 ist er mit der Inszenierung des vorge-
täuschten Suizids zweier Mädchen auf der Rax wieder einmal im Gerede.
Steckbrieflich gesucht, weil er seit Monaten gerichtliche Vorladungen
nur mit der ehrenwörtlichen Erklärung beantwortet, keinesfalls vor
Gericht erscheinen zu wollen, wird er am 10. Oktober 1928 schließlich
dem Strafbezirksgericht I polizeilich vorgeführt und am 12. Oktober
»wegen Übertretung des Waffenpatents« zu einer durch die Unter-
suchungshaft verbüßten Arreststrafe von 48 Stunden verurteilt, von allen
übrigen Anklagepunkten
– Verbreitung beunruhigender Gerüchte, Irre-
führung der Behörden, Gefährdung der körperlichen Sicherheit
– frei-
gesprochen, obwohl, wie der Richter festhält, objektiv ein strafbarer
Tatbestand vorgelegen sei. Der Angeklagte sei aber, so die Urteils-
begründung weiter, subjektiv nicht verantwortlich zu machen, weil er
»geistig abnormal« sei.86 Als »Republikfeier« angekündigt, ist im Vor-
trag vom Titelgeber indes keine Rede. Heimito Doderer gegenüber
hatte Kuh kein Hehl daraus gemacht, daß er genausogut »Balzac und
die Ostgoten« ankündigen könnte, man wisse doch in Wien nur zu gut,
an welchem Thema er hier nie und nimmer vorbeikomme. Er läßt sich
wieder einmal über »Wien – Berlin« aus.87
Zurück in Berlin, nimmt Kuh sich am 9. Dezember 1928 in der »Ko-
mödie« am Kurfürstendamm die »eingeführten ›Größen‹ intellektueller
Meinungsmacherzunft« in einer »Der Snob von Berlin« betitelten Mati-
nee zur Brust – nicht den Snob selbst, für Kuh eine unvermeidliche
Erscheinung großstädtischen Distinktionsbedürfnisses – und stellt ge-
Wien,
Konzerthaus,
Mittlerer Saal,
19.11.1928,
19.30 Uhr:
Österreich und der
Goldfüllfederkönig
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien