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habers], die als gute Köchin bekannt war, am Freitagabend zum Fisch-
essen eingeladen werden. Alle Bedingungen wurden angenommen. Ohne
Werbung begannen wir am Montag. Der Saal war voll; es hatte sich
herumgesprochen. Anton Kuh machte es Spaß, zu reden, worüber und
wogegen er wollte. Dienstag warteten die Leute vor dem Eingang, Mitt-
woch und Donnerstag war er pünktlich zur Stelle, Freitag kam er später,
da er ja bei Frau Kiwi zum Fischessen war, und Sonnabend ward er
nicht mehr gesehen. Das war in der zweiten Dezemberwoche 1929.«99
Da hatte er bereits etwas vor: einen seiner »bestens bezahlten« (so
Elow) Stegreif-Auftritte – diesmal allerdings auch teuer bezahlt.
In der Rubrik »La vie à Berlin« berichtet der Korrespondent des
Pariser »Temps«, René Lauret, Anfang Januar 1930 über das Gesell-
schaftsleben in der winterlichen Spree-Metropole, das nach den Weih-
nachtsfeiertagen wieder seinen Normalbetrieb aufgenommen hat. Neben
frivolen Vergnügungen wie den zahllosen Tanztees, Bällen und Banket-
ten nennt er an ernsthafteren Abendunterhaltungen, zu denen die Ber-
liner Society sich versammelt, Dichterlesungen und Vorträge.
Thomas Mann, von der Nobelpreisverleihung eben zurück aus
Stockholm, sei gerade in der Stadt gewesen und habe mit großem
Erfolg aus seinem noch unveröffentlichten Joseph-Roman ge-
lesen; Albert Einstein sorge trotz der sperrigen Materie, über
die er spricht, für volle Häuser. Auch französische Gäste wie
Édouad Herriot und Colette seien begeistert aufgenommen
worden. Ihr treues Publikum hätten auch der Sexualwissenschaftler und
-reformer Magnus Hirschfeld sowie die Schriftstellerin Erna Grautoff
mit ihren unverblümt und ohne Prüderie vorgetragenen Ansichten
über die Liebe. Der unterhaltendste Redner und wohl einer der besten
überhaupt sei jedoch der Schriftsteller und Publizist Anton Kuh.100
Lauret steht noch unter dem Eindruck der sonntäglichen Matinee
»Schwanneke oder Die Pleite des Geistes«, einer furiosen Abrechnung
Kuhs mit der »Prominenz«, die, einen Großteil seines Publikums stel-
lend, am 15. Dezember des Vorjahrs tosenden Beifall spendete.
Kuh setzt damit im bis auf den letzten Platz gefüllten Deutschen
Künstlertheater das »Szene«- und insbesondere das Prominenten-
Bash ing fort. Es steht ein bekennerischer Kuh auf der Bühne, ein fana-
tischer Ankläger, den »der Betrieb« melancholisch gestimmt hat, der
nicht geistreichelt und süffig anekdotisch ist, sondern »die Not seines
Herzens […] anklagend hinausschreien« muß.101 Er wettert gegen die
»grammophonhafte Selbstzwecklichkeit« seiner Zeit, die »eine Ökono-
mie der Wirkung ohne Wesen« habe, die »die Wirklichkeit verloren«
habe und somit auch den Geist, den er als die Essenz der Wirklichkeit
Berlin,
Deutsches
Künstlertheater,
15.12.1929,
12.15 Uhr:
Schwanneke
oder Die Pleite
des Geistes
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien