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betrachtet.102 Er kritisiert die Ansprüche gewisser Kino-, Rundfunk-,
Presse-, Theater- und anderer Prominenten von rechts und links auf
»geistigen« Nimbus in Grund und Boden, wettert gegen die Pleite jener
»Geistigen«, »die ihre traurigen Geschäfte unter das Schlagwort ›Kultur‹
stellen. Hier ist der Geist nicht mehr der ›Atem der Wirklichkeit‹ (wie
Kuh sagt), sondern ein Wort zu Propaganda-Zwecken, Propaganda in
eigener Sache, soll heißen: Person.«103
Er zieht rüstig vom Leder gegen seine ganz besondere bête noire, den
umtriebigen geistigen Plebejer, die häufigste Erscheinung unter den
»Geistigen« der Zeit, dem es nur um eins geht: Geltung, Prominenz;
gegen die linksradikale Pose der ethischen Entrüstung, die es sich in gut-
dotierten Redakteurs- oder Kommentatorposten bequem gemacht habe,
von den herrschenden Mächten unschädlich nicht gemacht, sondern
freiwillig ins Joch gekrochen. Das Ergebnis: »eine Pseudowirklichkeit
des öffentlichen Geistes, der sich wunder wie kühn und frei dünke, weil
er sich mit Fetzen realistischer Wahrheiten drapiert«.104 Wahrer Geist
sei immer oppositionell und paktiere nie und nimmer. Daß er eine
»Bartholomäusnacht der Intellektuellen« anregt, hindert die zahlreichen
Intellektuellen im Publikum nicht, tosenden Beifall zu spenden.
Um einiges weniger souverän reagiert man auf seinen Vortrag im
Literaten- und Szenelokal, in dem die »Pleite des Geistes« dem Stamm-
gast Kuh zufolge ihren »redseligsten und beredtesten Ausdruck findet«
und das er in seinem Vortrag als »die Dreckmuschel« bezeichnet hatte,
»in der der Ozean Prominenz rauscht«. Schon beim »Snob«-Vortrag war
für den Rezensenten des »Blauen Hefts« klar, wohin genau Kuh zielte:
»Kuh tat gewisse Literatenlokale rund um die Gedächtniskirche in
Acht und Bann, aber alles, was er sagte, war natürlich, um in seiner
Sprache zu sprechen: ›Du côté de chez Swan-neke.‹«105 Bei »Schwan-
neke«, Rankestraße Nr. 3, verhängt man den Bann über ihn. Der Wirt,
der Schauspieler Viktor Schwanneke, erteilt ihm sechs Tage nach dem
Vortrag im Auftrag der Stammgäste-Clique
– ein Typus, den Kuh offen-
bar treffend beschrieben hatte – Lokalverbot.
Still und geknickt trägt der sein Schicksal, »den Bann der heiligen
Wirtshausfeme«, nicht ohne sich darüber zu wundern, »daß es heut-
zutage zum Beruf eines Wirts gehört, nicht nur das kulinarische, son-
dern auch das geistige Prestige seines Gulasch wahrzunehmen«.106
Auch Rudolf Olden wundert sich: »Einer schlichten Gaststätte wird
die Ehre zuteil, öffentlich zur Heimstätte des Geistes erhoben zu wer-
den – aber ihr Inhaber weist die Ehrung weit von sich. Seine Räume
genossen oft den Vorzug, als Schauplatz jener erhabenen Kleinkunst zu
dienen, die Anton verschwenderisch um sich streute, wenn der Wein
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien