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ihn befeuert hatte
– aber Schwannekes Bühnenklub* will das Schauspiel
nicht dulden. Anderenorts beginnt die Diktatur in der Kaserne, bei uns
in der Künstlerkneipe. Wenn, o Paradox, der Geist seine Ruhe haben
will, so muss er wirklich pleite sein.«107
Es dräut weiteres Ungemach. Der »Berliner Herold« lanciert unter
dem Titel »Anton Kuh – Gastronom« das Gerücht, Kuh werde nach
dem über ihn verhängten Lokalverbot in Kürze »ein eigenes Intellektu-
ellen-Restaurant« in der Rankestraße eröffnen, und freut sich über
»einen so hochstehenden Budiker«.108 Die Scherzmeldung wird auch
durch Wiener Zeitungen verbreitet, woraufhin Kuh sich genötigt sieht,
Berichtigungen zu veranlassen: »fuerchte glaeubigersturm« telegraphiert
er nach Wien109 – zu spät offenbar, denn sein Schreibtisch ist in den
Tagen darauf überhäuft mit Stellenbewerbungen und Küchenpersonal-
Empfehlungen. Was ihn wiederum lehrt, daß man »in Zeiten der Pleite
(von deren geistigem Teil ich in meinem Vortrag sprach, der zu allen
folgenden Mißverständnissen den Ausgangspunkt bot) keine Witze
machen darf, weil sich die stellungsuchende Seele sogar an Juxnachrich-
ten wie an einen Strohhalm klammert«, wie er unter dem Titel »Ich
warne Stellungsuchende« im »Prager Tagblatt« festhält.110
Häme und Schadenfreude verkneift sich der Hinauskomplimentierte
dann im Oktober 1931 in seinem »Nachruf auf ein Lokal«, ganz nach
dem Motto »De mortuis nix Böses!«, hält aber doch nicht ohne Stolz
fest, daß nun mit der Schließung von »Schwanneke« eingetreten sei, was
er in seinem Vortrag geweissagt hatte: »So, wie der Geist heute hier, in
getrennten Verschlägen, beisammen sitze, so werde er bald klanglos
auseinanderfliegen, es sei nämlich gar nicht der Geist, der hier sitzt,
sondern eine oberste Prominenzbehörde, der die Entscheidung darüber
obliegt, wer sich mit Recht oder Unrecht zum Konventikel der Ge-
sperrtgedruckten zählt. Infolge dieser maßlosen rednerischen Entglei-
sung hat mich die Boheme aus ihren Reihen gestoßen. […] Der Zug der
Zeit […] geht nämlich gegen das Prominente. Dem von längerer Reise
Heimgekehrten scheint es zwar, daß alles, was in dieser Stadt lebt und
Betriebsamkeit entfaltet, bloß um den Kurswert seiner vorjährigen
Prominenz ringt, sich in diesem Ordinatensystem von Namen und
Bekanntheiten, das Berlin heißt, auf dem alten Punkt behaupten will.
Aber eben die akute Besorgnis zeigt, daß sie berechtigt ist. Die Namens-
währung schwankt mit der Wirklichkeit. / Und darin ist das geschlos-
sene Schwanneke ein Symbol. Wäre dieses Lokal nämlich wirklich ein
* Um die Sperrstunde zu umgehen, verwandelt sich »Schwanneke« nach der
Polizeistunde in einen Klub.
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien