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tionalgefühl. Der Staat äugt seine Bürger an wie ein patrouillierender
Wachmann. Er will nur noch Musterschüler vor sich sehen, nicht mehr
Juxbrüder und Eigenbrötler«, so Kuh im Vorwort des »Unsterblichen
Österreichers«, der zum einen elegischer Abgesang auf diesen sonder-
baren Menschenschlag ist, viel mehr noch aber Beschwörung eines
»Miniatur-Paneuropa«14 lange vor Coudenhove-Kalergi, eines verlore-
nen Paradieses und dessen Insassen. Ob die k. u. k. Monarchie das
kleinere Vorbild einer großen zukünftigen Welt hätte sein können? –
»Gemessen an der Realpolitik«, so W. G. Sebald kategorisch, ein »hoff-
nungslos anachronistische[s] Modell eines ökumenischen Reichs«!15
Mögen der Titel und die hinterfotzige Umschlagillustration von Karl
Arnold aufs erste die Kitschkulissen einschlägiger Ufa-Filme vorgau-
keln
– das ganze Land ein einziger Heuriger, die ganze Stadt ein einziges
Kaffeehaus –, diese »Deutung des Österreichertums aus seinen sinn-
fälligsten Erscheinungen« ist mitnichten aus dem Geiste des Gugel-
hupfs oder des rosa Zuckergusses über dem mollerten Punschkrapferl
geschrieben, unter dem man das behagliche österreichische »Wesen«
noch immer glaubt begraben zu können. Das Renitente, Querulatorische
gehört ebenso dazu
– »bis zu jenem befreienden Götzzitat, das eine der
Säulen österreichischen Lebensgefühls darstellt und übrigens erfrischend
hinter jedem Wort, aus jedem Zwischenraum dieses Buches hervor-
blickt«, wie ein Rezensent im Berliner »Querschnitt« wohlwollend
registriert.16
Kuh stellt die Exemplare seiner Österreicher-Galerie nicht unter einen
Glassturz, sondern
– im übrigen auch sich selbst, »und zwar so unseriös
und typenhaft, wie man es braucht, um ihm hüben wie drüben seine
Sünden zu vergeben«, wie er im Vorwort selbstironisch anmerkt
– vor
ein Forum und damit bisweilen bloß. Da stehen sie, die Unsterb-
lichen – neben den Unausrottbaren. Von Kuh schwärmerisch oder
boshaft porträtiert, bisweilen auch bauchrednerisch parodiert: Max
Pallenberg und seine Rebellion gegen das Wohlgefügte von Silben und
Worten, sein Plappern, das jeglichen Sprachsinn konsequent entrech-
tet;17 Gisela Werbezirk mit ihrer verschwatzten Elementargewalt, »die-
ses Jargonwunder an Leib, Seele und Stimme«– »jede Silbe ein lapsus
linguae, jeder Ton ein Exzeß«;18 Hans Moser als Dienstmann: »der
marxistische Knieriem; eine magische Verknüpfung aus Hobellied und
8-Stunden-Tag«;19 Girardi: »Der Bürger als Komödiant«;20 Ferdinand
Raimund: der »Vorstadt-Hypochonder«;21 Johann Nestroy: »Schopen-
hauer im Wurstelprater«;22 Erich von Stroheim, in dessen widerspruchs-
vollem Wesen »der Fackel-Kraus mit einem Walzertraum-Niki ver-
schwistert scheint«23.
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien