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reichischen Idioms, aber kreuzbrav; Hermann Speelmans als Knieriem:
markierte schwitzend den versoffenen Schustergesellen, das aber mit
schmerbäuchigem Phlegma und ohne Komik; Leonhard Steckel als
Lumpa ci vagabundus: trocken, humorlos, »weniger ein böser Geist
denn ein behaglich plaudernder Kunstbeamter«.8
Allein das Bühnenbild, die sich unaufhörlich wandelnden Deko-
rationen Edward Suhrs, der mit Drehbühne und Versenkung im-
mer wieder verblüffende Märchen-Illusionen schaffte, findet einhellig
Anklang.
Unterm Strich jedoch: »gerupfter, enteigneter, verlangweilter Ne-
stroy«9 – und das auch noch ohne »Kometenlied«. Für das – aus
Kritiker sicht
– Desaster verantwortlich gemacht wird der anscheinend
»durch Spreewasser ins Berlinische umgetaufte«10 Wiener Anton Kuh.
Allein Alfred Kerr11 und Monty Jacobs, die beide erkennen, was Kuhs
Bearbeitung und was Regie und Aufführung zuzuschreiben ist, leuch-
tet Kuhs Bearbeitung ein
– umso nachdrücklicher nehmen sie die Regie
in die Mangel. Monty Jacobs sieht die mißratene Aufführung zudem im
Zusammenhang mit der Auseinandersetzung des künstlerischen Leiters
der Volksbühne mit deren Vorstand. Der Generalsekretär des Vereins
der Volksbühne, Siegfried Nestriepke, hatte den Direktor, Karlheinz
Martin – ganz entgegen dem ursprünglichen Programm des 1890 ge-
gründeten Vereins »Freie Volksbühne Berlin«, der das Theater am
Bülowplatz seit 1914 als Bildungsstätte für das Proletariat mit sozial-
und zeitkritischen Stücken bespielt
–, unter Hinweis auf die im Gefolge
der Wirtschaftskrise drastisch eingebrochenen Besucherzahlen angewie-
sen, den Spielplan auf Unterhaltung zu trimmen. Und der Darmstädter
Gastregisseur Rabenalt, mutmaßt Jacobs, habe nun in solidarischer
Verbundenheit mit Martin auch und gerade der Nestroyschen Zauber-
posse den guten Geist der Heiterkeit gründlich ausgetrieben. Er habe
Nestriepke treffen wollen – und dabei Nestroy mausetot geschlagen.
Jacobs vermutet gar, daß, »als am Schluß alle Mitschuldigen dieses Atten-
tats auf Nestroy vor dem Vorhang aufmarschierten«, der Bearbeiter,
Anton Kuh, deshalb fehlte, weil er durch seine Absenz seinen Protest
gegen die Inszenierung unmißverständlich habe signalisieren wollen.12
Kuh indessen war bei der Premiere gar nicht in Berlin, so wie er auch
keine einzige Probe besucht hatte, weil er sich mit dem Regisseur, dessen
»Regimentstochter«-Inszenierung ihn im Winter begeistert hatte, im
Einvernehmen über entscheidende Punkte glaubte. In einer Klarstel-
lung, die er offenbar gleichlautend an mehrere Redaktionen adressiert
–
am ausführlichsten abgedruckt in der »B. Z. am Mittag« unter dem
Titel »Lumpazi, ich und die anderen«
–, drückt er generell sein Mißfallen
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien