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über die »Entwienerung« aus, über die Verschiebung von Dialog und
Figuren aus dem Heiter-Legeren ins Düster-Präzise, darüber, daß man
den ganzen zweiten Akt szenisch mit Stumpf und Stiel zusammen-
gehackt hatte. Die Auflistung, Punkt für Punkt, der Freiheiten, die sich
der Regisseur dem Kuhschen Textbuch gegenüber genommen hatte,
endet damit, daß seine Bearbeitung selbstverständlich das Couplet »Die
Welt steht auf kan Fall mehr lang …« vorgesehen hatte, das in der
»Volksbühne« nicht gesungen worden war.13 Da das Publikum den
»Lumpacivagabundus« aber durchaus goutiere – er bringt es auf
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Aufführungen
–, habe ja, räumt Kuh augenzwinkernd ein, die Volks-
bühne, also Rabenalt, gegen ihn recht behalten – Ob aber Kuh gegen
Nestroy recht behalten hat?
Neben den zahlreichen Liedern und Rezitativen, um die Kuh den
»Lumpacivagabundus« anreichert, sowie Tanzeinlagen, die der Be-
arbeitung Revue-Charakter verleihen, betreffen die dramaturgisch wich-
tigsten Änderungen, die Kuh an Nestroys Stück vornimmt, die titel-
gebende Figur sowie den Schluß. Der »böse Geist« aus dem Feenreich
der Rahmenhandlung, Lumpaci, wird in der Bearbeitung als Anstifter,
Verführer und Aufwiegler auch durch die sublunarische Handlung des
ganzen Stücks geführt. Und den Schluß des Stücks ändert Kuh im Sinne
Nestroys gegen Nestroy: Bei Nestroy wird da bekanntlich plötzlich
ein friedliches Eiapopeia gezeigt, Zwirn und Knierem haben sich unter
der moralischen Einwirkung Leims, der zum häuslichen Herd gefunden
hat, gebessert und sind brave Familienväter geworden. Die unverbesser-
lichen »Goldkerls« Zwirn und Knieriem, ursprünglich von den Furien
in die Unterwelt geholt – nur Leim, der vergeblich versucht hat, seine
beiden Kumpane auf den rechten Weg zu führen, bekennt sich zu einem
bürgerlichen Familien- und Berufsleben
–, werden von der Fee Amorosa
begnadigt und erscheinen in der Schlußszene als biedere Ehemänner:
eine biedermeierliche Schlußidylle, die von Nestroys Zeitgenossen als
Parodie aufgefaßt wurde. Dieser Schluß wirkte, wie Kuh im Programm-
heft bemerkt, an Nestroys sonstiger Art gemessen, immer gekünstelt
und geschwind hinzugefügt. Kuh korrigiert nun Nestroy »in Nestroys
Sinn«: Leim, seines langweiligen, monotonen Spießerlebens überdrüs-
sig, singt nun: »Das Arbeiten, das Essen, das Trinken und der Schlaf, /
Meiner Seel’ ich vertrag’s nicht – es ist mir zu brav –«, zieht sich in
einem plötzlichen Entschluß das alte Wandergesellenkleid wieder an,
entflieht der Familienbehaglichkeit und zieht mit seinen Tippelbrüdern
wieder auf die Walz.
Bei Kuh bessert der solide Tischler – trautes Heim, Glück allein –
nicht mehr seine liederlichen Freunde, den Schneider und den Schuster,
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien