Seite - 317 - in Anton Kuh - Biographie
Bild der Seite - 317 -
Text der Seite - 317 -
317
und Verderber der wahren Volksmuse« gebrandmarkt worden sei.
Unter dem Titel »Der geschändete Nestroy«17 kommt er in der »Welt-
bühne« wieder darauf zu sprechen: »Verträglichkeits- und Vergol-
dungsabsichten«, die die Nestroy-Sachverständigen von eigenen Gnaden
diesem unterschieben, seien nie in dessen Sinn gelegen. Tatsächlich
waren sich die Rezensenten von den 1830er bis in die 1850er Jahre, läßt
man unterschiedliche Gewichtungen im einzelnen außer acht, in ihren
ästhetischen Maßstäben einig: Das Volksstück hatte »durch harmlose
Geißelung von Mißbräuchen, durch witzige Persifflage von Schwach-
heiten, durch heitere Schilderung von Modethorheiten belehrend und
nützend auf die Sitte, auf den Geist, auf den ganzen Charakter des
Volkes einzuwirken«,18 also eine erbauliche, didaktische Veranstaltung
zu sein. Nestroys satirischer Witz trifft zwar in aller Regel den Ge-
schmack seines Publikums, die Konsequenz, mit der er der »niedrig-
komischen« Muse bar jeglicher mora
lischer Tendenz huldigt, vermögen
die Kritiker jedoch nicht zu goutieren. Nestroy habe sein »kolossales
Talent« unverbesserlich mit seinem Hang zu »Trivialitäten und Ge-
meinheiten«, zu »Zweideutigkeit des Ausdrucks, Unkeuschheit des
Gedankens, verwerflicher Frivolität der Gesinnung« entweiht und könne
sich darin der Komplizenschaft eines »gewissen Theils des Publikums,
von dem sich jeder gebildete Mensch ausschließt«, sicher sein; jenes
Teils des Publikums, der »mit faunischer Lust auf eine Stelle, auf eine
Geberde, in der er einen entarteten Sinn, eine Zweideutigkeit findet«,
lauere19, so eine der zeitgenössischen Standpauken.
Die »Volksbühne« hatte eine die Figuren des Stücks aktualisierende
und deren Sprache dem berlinischen Ohr verständlicher machende
Neubearbeitung des »Lumpacivagabundus« angeregt, die das Publikum
des Jahres 1931 »härter« ansprechen sollte. Gegen dieses »Hart!«, legt
Kuh klar, hatte er immer schon Vorbehalte. Es sei »ein Lieblingsvokabel
des kleinen Modernitäts-Moritz. Was der unter Härte versteht, läuft in
der Wirklichkeit auf Saftlosigkeit, Ungrazie, Leitartikelei, Witzmangel,
Dürre hinaus.«20 Der neue Schluß, belehrt Kuh die Sachverständigen,
der Sieg der Landstraße über die Bürgerstube, der Fidelität über die
Langeweile, sei ganz im Sinne Nestroys. Schon die Zeitgenossen hätten
aus dem End-Tableau mit den drei glücklichen Ehepaaren, das nur
durch den taschenspielerhaften Verlegenheitskniff des plötzlichen Ein-
greifens des Feenkönigs überhudelt zustande gekommen sei, mehr das
boshafte Nein als das moralische Ja und mehr den Hohn als die Idylle
herausgehört. »Es galt also eine Transkription ins Zeitlose vorzuneh-
men und den eigentlichen, das heißt: anti-idyllischen Geist Nestroys
auch für dieses Stück wieder in sein Recht zu setzen.«21
zurück zum
Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien