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lung«, hatte sich Kuh eine Woche vor der Premiere telephonisch an den
Chefredakteur gewandt, um ihm klarzumachen, der journalistische
Anstand verbiete es, daß Rolf Nürnberg die Premiere bespreche. Da
Kraus sich gebärde, als habe er ein Monopol auf Nestroy und Nestroy-
Bearbeitungen; und da die über die Jahre gepflegte Feindschaft zwi-
schen ihm und Kraus auch in Berlin stadtbekannt sei, werde Nürnberg
unter allen Umständen zu dem Schluß kommen müssen, daß Kuhs
Bearbeitung »ein Scheißdreck« ist. Kraus führte zudem einen Prozeß
gegen die Volksbühne, um eine weitere Aufführung seines vorzeitig
abgesetzten Stücks »Die Unüberwindlichen« zu erzwingen.
Kuh wird zugesichert, man werde Nürnberg ersuchen, das Referat
abzugeben. Und es will ihm aufs erste tatsächlich scheinen, als stamme
der mit »Rolf Nürnberg« unterzeichnete Verriß gar nicht von diesem,
sondern
– von Karl Kraus höchstpersönlich.25 Denn der von Spott und
Hohn triefende Premierenbericht zeuge von derart stupenden Kennt-
nissen nicht nur Nestroys, sondern auch des Wienerischen, daß alle
Indizien darauf hindeuten, daß Kraus, hinter zwei Masken verschanzt:
der Unterschrift »Rolf Nürnberg« und, über seinen Schatten springend,
schlechtem Deutsch, sich persönlich dazu herbeigelassen habe, am
»12 Uhr Blatt« mitzuarbeiten.26
Tatsächlich wird Kuh in dem mit »Rolf Nürnberg« unterzeichneten
Artikel vorgeworfen, in seiner Bearbeitung noch rigoroser vorgegangen
zu sein als Leopold Liegler, der den großen Satiriker zum kleinen Dia-
lektkünstler gestempelt habe, indem er ihn ins Wienerische übersetzt
hatte. Und damit in eine sechs Jahre zurückliegende Wiener Affäre
hineingezogen.
Leopold Liegler hatte 1925
– die ersten Bände der Rommel/Brukner-
schen »Sämtlichen Werke« Nestroys waren gerade erschienen – einen
wahren Glaubenskrieg ausgelöst, als er eine Arbeit unternahm, »die
bisher jedem echten Nestroyspieler selbstverständlich, jedem Nestroy-
herausgeber aber verboten schien«, nämlich »den Manuskripttext
Nestroys ins Wienerische zurückzuübersetzen«.27 Lieglers Begründung:
»die mechanische Reproduktion jener papierenen Mißgeburt aus un-
zureichender Dialekttranskription und Hochdeutsch, welche die Ne-
stroy-Manuskripte so oft darstellen«, sei ein Vergehen an »Wesen und
Klang dieser Wortkunst«.28 Nestroy könne »aus der Mundart und ihrem
geistig-künstlerischen Klima gar nicht herausgehoben werden«.29
Die »Übersetzung« der Lokalposse »Eine Wohnung ist zu vermie-
then« hatte Karl Kraus, der sich in der Nachfolge des Satirikers Nestroy
sah, auf den Plan gerufen: In einer Fußnote, die sich unter sechs Seiten
seiner Polemik »Nestroy und das Burgtheater« zieht, verwahrt er sich
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien