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vehement gegen Lieglers Unterfangen, das sich nicht bloß am »Text
Nestroys«, sondern insbesondere an »Nestroys Sprachgeist« versün-
dige: »Nestroy, der kein österreichischer Dialektdichter, sondern ein
deutscher Satiriker ist, ins Wienerische übersetzen heißt ihm eine An-
zengrube graben. Was wird aus dem Schillerpathos seiner Domestiken?
Wie nimmt sich der klischeezersetzende Witz dieser Geschwollenhei-
ten im Einheitsdialekt aus?«30 Die dialektale Einebnung der Nestroy-
Partitur bedeute »der Seele des Nestroyschen Sprachwitzes an den Leib
gehen, entgegen jener genial widerspruchsvollen Weisung, die für alle
diese Typen gilt: ›ohne Scheu zu sprechen, wie ihnen der Schnabel
wuchs‹, und eben nicht, wie er ihnen g’wachsen is.«31
»Nestroys Dialekt ist Kunstmittel, nicht Krücke«32, hierin behält
Kraus das letzte Wort. Erst das Zusammen- und Gegenspiel der unter-
schiedlichen Sprachschichten und Sprechweisen macht den Reiz seiner
Partituren aus. Er braucht neben dem Dialekt und der mittellagigen
Umgangssprache auch das als gespreizt oder aufgeplustert markierte
Hochdeutsch. Denn, wie Franz H. Mautner »mit nur leichtester Über-
treibung« zuspitzt: »Die wesentliche Barrière zum Verständnis Nestroys
in Norddeutschland ist nicht der Dialekt seiner Figuren, sondern ihr
Hochdeutsch.«33
Der Vorwurf Nürnbergs, daß »Nestroys einzigartige Sprache, farbig
und parodistisch, breit und scharf, sinnvoll und spitzfindig«, in Kuhs
Bearbeitung »verwischt oder verstümmelt« sei,34 ist mit all der polemi-
schen Verve, die Kuh gegen ein vermeintliches Komplott der Kraus-
Kamarilla entfaltet, nicht ganz vom Tisch zu wischen. Zwar hatte erst die
auf »Hart!« gestellte Inszenierung Rabenalts den Nestroy-Dialogen das
Federnde, Schwebende genommen, aber bereits das Textbuch der Neu-
bearbeitung bietet streckenweise ebendas, was Kuh bei der Vorgabe
»Härter!« immer schon befürchtet hatte: »Saftlosigkeit, Ungrazie, Leit-
artikelei, Witzmangel, Dürre«.
Im Programmheft der »Volksbühne« hatte Kuh seine durchaus nach-
vollziehbare Bearbeitungsstrategie offengelegt: Es komme bei der Über-
tragung Nestroys in ein anderes Idiom nicht so sehr auf philologische
Texttreue als auf die Verständlichkeit des Tonfalls an; dieser Tonfall
aber bestehe in der »Frotzelung des Schriftdeutschen schlechthin«. Der
Reiz des Nestroyschen Witzes liege in dem Widerspruch zwischen der
Gemütlichkeit der Sprache und der Ungemütlichkeit des Inhalts. Um
Nestroy verständlich zu machen, brauche man also nichts weiter zu tun,
als dessen Figuren aus einem hör- und spürbaren mundartlichen Hinter-
halt das Schriftdeutsche in seinem gravitätischen Marsch absingen zu
lassen. Und Kuh hat auch die Schwierigkeiten benannt, die Berliner
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien