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Anton Kuh - Biographie
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345 In Bruchstücken aus dem »Vorwort zur nächsten Auflage (a. d. Jahr 2030)« legt Kuh hofrätlich sordiniert dar, warum er seine Aperçus »Aussprüche« genannt hat. Zum einen seien sie »Überreste eines gerede- ten Daseins«; sodann aber wollte er sie geflissentlich »von der Kunstart der als ›Aphorismen‹ bezeichneten, aus der Selbstbespieglung der Spra- che entstandenen Formeln unterschieden wissen«. Er sei ein »Chauvinist der Wirklichkeit. Man darf also glauben, daß ihn jeder Gemeinplatz, ja Kalauer, der diese ins Herz traf, eine tiefere Sentenz dünkte als der beste Aphorismus.« Und warum der Titel »Physiognomik«?  – »Bildete er doch, indem er seine Aussprüche in einer Art Notwehr aus den Gesich- tern seiner Zeitgenossen riß, die Physiognomie jener Zeit nach. […] Es war zwischen Torschluß und Anfang. Zwei Kulturen lösten einander ab. Der adelige Mensch wich dem gemeinen, der Geist streckte die Waffen, der Plebejer regierte das Zwischenreich.«4 Kuh brilliert wieder in der Herabsetzung zeitgenössischer Geistes- größen, entfaltet seinen beißenden Witz gegen das Klebrige des »Be- triebs«, gegen das Spießertum aller Zonen und Grade und insbesondere gegen die Diktatur der Mittelmäßigkeit sowie die Hinundrücksichtelei des politischen Juste milieu: »Lieblinge des Zeitalters: der Zuschneider des Antonius, das Stubenmädel der Kleopatra«; »Physiognomie der Zeit: Das Gesicht des Führers ist identisch geworden mit dem der Geführ- ten«; »Klassenumschichtung: den heroischen Geschichtsprofessor hat der martialische Bureaudiener abgelöst«; »Wenn ich ein Zeichner wäre, würde ich versuchen, aus einem nebeneinandergestellten Fragezeichen und Ausrufzeichen ein Gesicht zu entwerfen. Man hätte damit das Lineament aller Plebejergesichter: den Zweifel in die Beachtetheit und den Schrei nach Beachtung«. In Kapiteln wie »Res publica oder Der Bürger«, »Physiognomik oder Der Zeitgenosse«, »Rencontre oder Der Plebejer«, »Vita oder Der Mensch« versammelt er kulturpessimistische Glossen: »Das kindische Europa! Es glaubt, der Mensch im Smoking lasse sich retten, wenn man den Smoking nur fest hält. Um ihn nicht aus der Hand zu lassen, opfert es die Menschheit«; »Wunschtraum der Menschheit: Romantik mit Wasserspülung«; »Film und Radio  – zwei Errungenschaften und die gleiche Bestimmung: daß sie, entgegen ihrem Sinn, die Wirklichkeit zu verbreiten, die Unwirklichkeit vermehrt haben«; »Die versinkende Kul- tur der Gegenwart klammert sich an den Strohhalm, aus dem man den Cocktail schlürft«; ätzende Kommentare zum Befinden der zeitgenössi- schen Publizistik: »Mit achtzehn ist jeder von uns ein Genie, mit acht- undzwanzig jeder ein Redakteur«; »Der Leitartikel zum Radikalismus: ›Nun  – es wird nicht so heiß gegessen, wie ich die Hosen voll hab’‹«;
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Anton Kuh
Untertitel
Biographie
Autor
Walter Schübler
Verlag
Wallstein Verlag
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Abmessungen
13.8 x 22.2 cm
Seiten
576
Kategorie
Biographien
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