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»Der Intellektuelle im Staatshaus: Ich würde mich schämen, im ersten
Stock über Ausdruckstanz und Negerplastik zu disputieren, wenn im
Parterre unter mir Menschen erschlagen würden«. »Tisch und Neben-
tisch« der Literatur finden sich im Kapitel »Regal oder Der Leser« bei-
nah in derselben Besetzung wieder wie schon in »Von Goethe abwärts«.
Das »Vademecum für geistig Bemittelte«5 findet Anklang. Die Unzahl
an Vorabdrucken in Zeitungen des gesamten deutschen Sprachraums
bereits im Sommer 1931 spricht für sich, und sogar die »Reichspost« ist
überaus angetan von der neuen Auslese aus dem »boshaft-witzigen
Repertoire Anton Kuhs« – die nur den Makel habe, daß dieser »die
Grenze des guten Geschmackes oft nicht zu kennen scheint«.6
In einer »Selbstanzeige« seines Aperçus-Bands zieht Kuh wieder über
das ganze »sentenziöse Lirumlarum« her, dessen abgestandener Esprit
sich in billigen Paradoxien erschöpfe und dessen geheime Maxime offen-
bar laute: »Sag in Anmut Vorletztes und Drittletztes, niemals Letztes!
Verwirr unser Vokabular, aber zerstör es nicht! … So ist durch sie am
Ende mit der Geistreichheit der Geist überhaupt in Verruf gekom-
men
– man hat ihn seither als Spielzeug genommen statt als allmächtiges
Element.« Er ziehe es vor, »das Letzte ohne Grazie zu sagen«. Ja, zu-
weilen erscheine dieses Letzte bei ihm »im schlichten Kittel des Gemein-
platzes oder Kalauers«. Dennoch empfiehlt er seine Aussprüche dem
geneigten Leser: »Reichliche Anspielungen auf Zeitgenossen, die er teils
liebt, teils nicht leiden kann, werden seine Mühe lohnen. Er erkennt
schliesslich, dass diese Aussprüche nicht Einfälle sind, sondern Resul-
tate, vielleicht Splitter eines explodierten Denksystems.«7
Und wieder ist die Paradoxa-Masche der zeitgenössischen Spruch-
weisheiten zumindest mit schuld daran, daß dem Autor die Freude daran
wenn schon nicht vergällt, so doch getrübt wird. Denn zugleich mit dem
Aphorismus sei »der sogenannte produktive Druckfehler geboren« wor-
den: »Die Setzer, an die wackere Gradheit der Sprache gewöhnt, […]
standen vor der Erscheinung des Paradoxen ratlos. Doch das schadete
vorerst nichts. Es stellte sich damals heraus, dass Aphorismen durch
Druckfehler an Sinn nur gewinnen, nicht verlieren können
… Immerhin
dauerte es einige Zeit, bis die Setzer darauf kamen, dass Umkehrung und
Gegenteil des Witzes Würze sind. Aber dies Gesetz blieb ihnen dann in
Fleisch und Blut. Ihr Wahlspruch war: wir sind auf alles gefasst. […] /
Auf mich waren sie nicht gefasst … O wär ich doch in ihrem Sinne
paradox geblieben! Hätte ich mich zu der alten Aphorismenform be-
kannt, wonach zweimal zwei fünf ist – jeder Korrektor hätte mich
verstanden. So halte ich einen Schritt weiter
– bei mir ist zweimal zwei
schon wieder vier: Gipfel der Verwirrung! Dass ich mich so auf eigene
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien