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Anton Kuh - Biographie
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347 Paradoxienfüsse stellte, statt mit denen der Vorzeit zu marschieren, hat mein Buch zum Schlachtfeld aufeinanderprallender Interpretationen und Gesinnungen gemacht. Man war um mein Geistes- und Seelenheil be- sorgt, man wollte mir wohl, ich weiss es. Die Schwester des leitenden Prokuristen im Verlag sah, dass da etwas über Revolutionäre geschrie- ben stand  – nein, sagte sie sich, das meint der Autor gewiss nicht, das ist ein Druckfehler  – und sie merzte ihn aus. ›Oho!‹ rief der sozialistisch gesinnte Metteur entgegen, ›da kennt ihr ihn schlecht  … wenn z. B. auf pagina 94 steht, dass Robespierre seinen Wahrheitseifer nur der Unruhe über die Dantons dankt, wie Rousseau seine Tugend bloss dem Neid auf die Voltaires  – so ist das gewiss nicht seine wahre Ansicht: Rousseau und Robespierre stehen diesem Fanatiker zu hoch  – er meint gewiss das Umgekehrte.‹ Und änderte entsprechend die Namen um. Dann griff eine Tante des zweiten Compagnons ein. Der Umbruchkorrektor wider- sprach ihr. Das Gefecht wurde hitzig, eine Einigung war nicht zu er- zielen, Druckfehler bedeckten die Walstatt. Bloss in einem herrschte ungeteilte Eintracht: im Respekt vor meiner paradoxen Artung. Sie sahen ›Phentesilea‹ statt ›Penthesilea‹, ›Apamantus‹ statt ›Apemantus‹. ›Nee‹, sagten sie, ›lassen wir’s stehen, bei dem Kuh kann man nie wis- sen, was gemeint ist  – wahrscheinlich ist das schon der Aphorismus.‹ Ich beschloss, als ich das Werk sah, meinen nächsten Band unter dem Titel ›Druckfehler‹ zu edieren. (Motto: ›Druckfehler sind die Aphoris- men der Setzmaschine.‹)«8 Daß diese Sammlung blanker Bosheiten, mit denen Anton Kuh seinen Zeitgenossen zu Leibe rückt, den Titel »Physiognomik« trägt, leuchtet ein. Und es leuchtet umso mehr ein, wenn man sich vergegenwärtigt, daß physiognomische Fragen seit mehr als hundert Jahren nicht nur in wissenschaftlichen Disziplinen wie Anthropologie, Psychiatrie, Physio- logie und Kriminologie, sondern auf breiter gesellschaftlicher Ebene diskutiert wurden und daß es im Deutschland der 1910er und 1920er Jahre nicht nur eine Mode war, Physiognomik zu treiben, das heißt, à la Lavater Körpermerkmale geistigen und seelischen Eigenschaften zuzu- ordnen, sondern geradezu eine Manie.9 Der Physiognomik, der »Wissenschaft, den Charakter (nicht die zu fälligen Schicksale) des Menschen im weitläuftigsten Verstande aus seinem Äußerlichen zu erkennen«,10 waren schon Johann Caspar Lava- ters Zeitgenossen grundsätzlich skeptisch begegnet. Der Darmstädter Kriegsrat Johann Heinrich Merck etwa weiß sich zwar mit Lavater im kulturpessimistischen Beharren auf die Unhintergehbarkeit von äußeren Merkmalen einig, die es erlaubten, ohne Umweg über mediale Verzer- rungen, etwa die Sprache, das Innere zu entziffern. Zuwenig aussage-
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Anton Kuh
Untertitel
Biographie
Autor
Walter Schübler
Verlag
Wallstein Verlag
Ort
Göttingen
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Abmessungen
13.8 x 22.2 cm
Seiten
576
Kategorie
Biographien
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