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Paradoxienfüsse stellte, statt mit denen der Vorzeit zu marschieren, hat
mein Buch zum Schlachtfeld aufeinanderprallender Interpretationen und
Gesinnungen gemacht. Man war um mein Geistes- und Seelenheil be-
sorgt, man wollte mir wohl, ich weiss es. Die Schwester des leitenden
Prokuristen im Verlag sah, dass da etwas über Revolutionäre geschrie-
ben stand
– nein, sagte sie sich, das meint der Autor gewiss nicht, das ist
ein Druckfehler – und sie merzte ihn aus. ›Oho!‹ rief der sozialistisch
gesinnte Metteur entgegen, ›da kennt ihr ihn schlecht
… wenn z. B. auf
pagina 94 steht, dass Robespierre seinen Wahrheitseifer nur der Unruhe
über die Dantons dankt, wie Rousseau seine Tugend bloss dem Neid
auf die Voltaires
– so ist das gewiss nicht seine wahre Ansicht: Rousseau
und Robespierre stehen diesem Fanatiker zu hoch
– er meint gewiss das
Umgekehrte.‹ Und änderte entsprechend die Namen um. Dann griff eine
Tante des zweiten Compagnons ein. Der Umbruchkorrektor wider-
sprach ihr. Das Gefecht wurde hitzig, eine Einigung war nicht zu er-
zielen, Druckfehler bedeckten die Walstatt. Bloss in einem herrschte
ungeteilte Eintracht: im Respekt vor meiner paradoxen Artung. Sie
sahen ›Phentesilea‹ statt ›Penthesilea‹, ›Apamantus‹ statt ›Apemantus‹.
›Nee‹, sagten sie, ›lassen wir’s stehen, bei dem Kuh kann man nie wis-
sen, was gemeint ist – wahrscheinlich ist das schon der Aphorismus.‹
Ich beschloss, als ich das Werk sah, meinen nächsten Band unter dem
Titel ›Druckfehler‹ zu edieren. (Motto: ›Druckfehler sind die Aphoris-
men der Setzmaschine.‹)«8
Daß diese Sammlung blanker Bosheiten, mit denen Anton Kuh seinen
Zeitgenossen zu Leibe rückt, den Titel »Physiognomik« trägt, leuchtet
ein. Und es leuchtet umso mehr ein, wenn man sich vergegenwärtigt,
daß physiognomische Fragen seit mehr als hundert Jahren nicht nur in
wissenschaftlichen Disziplinen wie Anthropologie, Psychiatrie, Physio-
logie und Kriminologie, sondern auf breiter gesellschaftlicher Ebene
diskutiert wurden und daß es im Deutschland der 1910er und 1920er
Jahre nicht nur eine Mode war, Physiognomik zu treiben, das heißt, à la
Lavater Körpermerkmale geistigen und seelischen Eigenschaften zuzu-
ordnen, sondern geradezu eine Manie.9
Der Physiognomik, der »Wissenschaft, den Charakter (nicht die
zu fälligen Schicksale) des Menschen im weitläuftigsten Verstande aus
seinem Äußerlichen zu erkennen«,10 waren schon Johann Caspar Lava-
ters Zeitgenossen grundsätzlich skeptisch begegnet. Der Darmstädter
Kriegsrat Johann Heinrich Merck etwa weiß sich zwar mit Lavater im
kulturpessimistischen Beharren auf die Unhintergehbarkeit von äußeren
Merkmalen einig, die es erlaubten, ohne Umweg über mediale Verzer-
rungen, etwa die Sprache, das Innere zu entziffern. Zuwenig aussage-
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien