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Sachverständigen einer zu gründenden »physiognomischen Polizei«,
der die Mörder, die das NS-Regime den vor ihm Geflohenen selbst noch
ins Ausland auf die Fersen heftet, untrüglich an deren Visage und ihrem
Gehabe zu identifizieren imstande ist, empfiehlt er sich selbst im Sep-
tember 1933.21
Ein Gesicht, ein »wirkliches Gesicht« ist Anton Kuh ein Abenteuer
–
das ihm immer seltener zuteil wird. Nichts als »unheilige, verschmud-
delte Klassenfratzen«, beklagt er schon Mitte der 1920er Jahre22, zu
Gesichtern geronnene Phrasen, Massengesichter ohne Geheimnis
– ohne
diesen »undurchdringlichen Rest hinter allem Zutageliegenden und
Erforschlichen, der einem Antlitz erst den göttlichen Glanz gibt«23 –,
statt Physiognomien die omnipräsenten genormten Visagen von Film-
stars. »Kein eigenes Gesicht zu haben, das ist für diese Generation der
Glattrasierten ein beinah so großes Vergnügen wie für die frühere der
Besitz eines Originalgesichts.«24 Ein Mißstand, für den Kuh Abhilfe
wüßte: »An den Ballsaaltüren steht manchmal angeschrieben: ›Heute
Maskenzwang‹. Ich träume von einer Lustbarkeit, die unter dem Leit-
spruch vonstatten geht: ›Heute Gesichterzwang‹.«25
Kuh sammelt die Physiognomien seiner Zeitgenossen.26 Er lüpft ihnen
die Maske und liest in ihren Gesichtern wie in offenen Büchern und da-
mit dem »Antlitz der Zeit« die Symptome ab
– nicht ohne die Anamnese
gleich mitzuliefern. Die meisten seiner überscharf belichteten Porträts
verzerren charakteristische Details zur Karikatur – mimisch, gestisch,
sprachlich
– und damit zur Kenntlichkeit.
Beinah mehr Beweiskraft noch als dem Gesicht wächst in Kuhs
Skizzen der Stimme, der Sprache, dem Idiom zu. Unnachahmlich seine
Fähigkeit, Akustisches plastisch zu modellieren. Etwa die Stimme eines
der Telephonfräulein in der Hauszentrale des »Adlon«: »Elisabeth …
kennt Ihr die Stimmen, die wie Seifenblasen des Herzens am Ohr plat-
zen, zart und zittrig? Die, wie von Traurigkeit angeritzt, in der Luft
schweben?
… Oft ist es, als bezähmte sich in ihnen ein Hustenreiz und
wölbe sich zum Cellowohllaut.«27 Oder das »Knautschen«, die näselnde
Abart des Schönbrunner Deutsch, in der die obersten Hundert der Obe-
ren Zehntausend der Habsburgermonarchie verkehrten: »das Negligé
im Tonfall; die Zunge legt sich da faul zurück wie in einen Klubfauteuil,
die Vokale erhalten eine kleine Parfum-Injektion Langweile aus ver-
engter Nasenhöhle, die ›r‹ werden von der Gaumenplatte aufgepickt
wie Krumen einer delikaten Torte, die Lippen öffnen sich zu nicht
mehr Atem, als man dem öffentlichen Besitz unbedingt entnehmen
muß
– und dieser tönende Mundvorrat wird schluckweise konsumiert,
zerbröckelt in einer Sauce von Gelächel.«28 Im sprachlichen Habitus
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien