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die Jockeys (»halb Kind, halb Greis«39), die Kellner40, denen er ob ihrer
jahrelangen Übung im unverschämten Taxieren der Gäste hohe phy-
siognomische Kompetenz zubilligt, die Fähigkeit, jedem, der das Lokal
betritt, »bis aufs psychologische Beuschel« zu sehen41, den Greisler (»ein
Kleinbürger mit einem Großbürgerbauch – der Analphabeto-Bour-
geois«42), dessen Vetter, den Vollbart-Gymnasiasten (»mit dem ganzen
Flaum der Verstucktheit, Klassenbuchangst und Vaterscheu behaftet«43),
den Gigolo44, den Reisenden (»Für ein paar Stunden Heimatlosigkeit ist
er Weltbürger. Diese kurze Zeit des mobilen Daseins gibt ihm das
Gefühl, ein vornehmer Durchgangspassagier der Erde zu sein. Er legt
seinem Gesicht ein bißchen Weltläufigkeit und Freundlichkeit als
Puder auf, maskiert sich selber als ›Reisebekannter‹. So schmecken ihm
die paar hundert Kilometer eines steuerfreien, nirgendshin zuständigen
Lebens umso besser.«)45.
Mit seiner schauspielerischen Begabung versteht Kuh es auch, die
Sprachgestik von Personen zu kopieren. Begnadeter Stimmenimitator,
ahmt er den Tonfall ganzer Gattungen nach und trifft ins Herz des zur
Karikatur verzerrten Vorbilds. In der Sprache der Figuren von Hof-
mannsthals »Unbestechlichem« erkennt Kuh das näselnde wienerische
Äh-äh-Aristokratentum wieder: »Die Sprache (sprich: ›Spraoche‹): feu-
dal, frei nach Rezept: Du, die Giserl Windischgraetz hot xogt, daß die
Relli Auersperg zum Powidldalkerl Starhemberg g’foahrn is – is’s
woahr?«46 Er führt einem stramm völkischen »Durchhalter« und
»Reichspost«-Abonnenten die Feder, der sich 1918 in einem Leserbrief
an den »Morgen« über das »Friedensgewinsel« christlichsozialer Ab-
geordneter echauffiert, hinter dem er Bestechung mit »Judengeld«
vermutet.47 Er fingiert sechs Kritiken einer »Minna-von-Barnhelm«-
Aufführung, in der Fräulein Dolezal vom Stadttheater Oderfurt in der
Titelrolle debütierte: »Der Kritiker, der noch mit Grillparzer gesprochen
hat«, »Der durchaus Wohlwollende«, »Der streng Objektive«, »Der zu
Einwänden Geneigte«, »Der Ätzende«, »Der Aushilfskritiker«.48 Und
malt sich zwei Jahre darauf den Wortlaut aus, mit dem fünf Wiener
Kritiker, Alfred Polgar, Leopold Jacobson, Raoul Auernheimer, Hans
Liebstoeckl und Felix Salten, sein Auftreten in der Josefstadt-Aufführung
von Bernard Shaws Komödie »Fannys erstes Stück« in ihren Bespre-
chungen jeweils bedenken werden.49
Als physiognomischer Sachverständiger wäre Kuh jedenfalls erste
Wahl gewesen. Vielleicht wäre auch er nicht vor einem Mißgriff gefeit
gewesen, wie er ihn im Mai 1936 amüsiert referiert
– und der wiederum
das Abwegige einer rassistischen Physiognomik vor Augen führt: Die
Herausgeber der teutschen »Gesundheitswacht« rückten Ende 1935 ein
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien