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einen lästigen Ulk und wehrte bloß ab. Auch als nach einer Stunde Alice
Hechy an unseren Tisch kam und auf die Frage der anderen versicherte,
daß wirklich Karl Kraus mit seinen Leuten dahinten sitze, glaubte ich es
nicht
– ich bin diese Ulkereien zu sehr gewöhnt. Da sich der mysteriöse
Vorhang auch nach eineinhalb Stunden nicht lüftete, wollte ich vor dem
Weggehen meinen Bekannten beweisen, daß sie mir die Anwesenheit des
Kraus nur einreden wollten, und rief mit Stentorstimme durch den Saal:
›Herr Ober
– einen Knobel-Penez für Herrn Kraus!‹ (Ein Knobel-Penez,
ein mit Gänsefett und Knoblauch bestrichenes geröstetes Brot, ist eine
bei österreichischen Ethikern beliebte rituelle Speise.) A tempo brüllte
eine Stimme hinter dem Vorhang auf unverfälschte leopoldstädterische
Art etwas von ›Goschen halten‹ und ›Krüppel‹ zurück (es wurde über die
Bedeutung dieses Wortes noch debattiert
– ein anderes Wort fiel nicht).
Da ich im Inhaber dieser Stimme einen talentlosen, gleichfalls aus Wien
zugereisten Schauspieler zu erkennen glaubte, den ich kurz vorher in
einer Berliner Tageszeitung verspottet hatte [Peter Lorre, W. S.], der da
also wohl seine verletzte Eitelkeit in den Schatten heiliger Kraus-Gefolg-
schaft stellen wollte, tat ich, was jeder vernünftige Mensch in meiner
Lage hätte tun müssen: ich bestellte, ohne mich mit den Jüngern in einen
Disput einzulassen, die für den Meister bestellte Knoblauch-Speise ab.
Es war mir, dem Besitzlosen, auch gar nicht eingefallen, den von seinen
väterlichen Fabriksrenten reichlich lebenden Ethiker zu einer Delika-
tesse einzuladen – schon deshalb nicht, weil ich mit den Spukbildern
meiner polemischen Phantasie persönlich nicht so gut bin, um ihnen
den Rang lebender Wesen zuzuerkennen. Ich bedauere den Vorfall also,
weil ich Herrn Karl Kraus viel zu gering schätze, als daß ich ihn je
persönlich beleidigen würde. Mein Vorgehen war in der Tat nicht
gentlemanlike. Wenn mich etwas dabei tröstet, so ist es neben der Tat-
sache, daß ich ja das Opfer eines Ulks war, der Umstand, daß ich dem
meistgeohrfeigten Ethiker der Gegenwart nicht die Gelegenheit gab,
ausnahmsweise seinen Gegner attackiert zu sehen.«2
Zwei Wochen darauf
– da ist das Lokal, Anfang Dezember 1931 eröff-
net, wegen Problemen mit der Konzession auch schon wieder geschlos-
sen
– wird einem »unparteiischen Dritten«, einem anonymen »Gewährs-
mann« das Wort erteilt, der versichert, daß sich der Vorfall »so und nicht
anders abgespielt« habe: »Als Zufallsgast kam ich am Mittwoch, den
19. Januar in das nette Lokal ›Alice‹, das ziemlich leer war. Ich nahm in
der Nähe des hier schon erwähnten ominösen roten Vorhangs Platz.
Einige Tische entfernt von mir bemerkte ich eine aufgeregte Gruppe
gestikulierender Herren, unter denen ich auch Anton Kuh und den von
mir sehr geschätzten Direktor Steinberg erkannte. Ich hörte, daß an dem
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien