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Ungeduld – Kuh betritt mit zwanzigminütiger Verspätung die Bühne,
auf der sich als »Sensations-Requisit«31 ein Bett befindet – sich in
Trampeln, Klatschen und Pfeifen Luft macht: »Angst eines snobistischen
Publikums, sich eine Sensation und die Garderobengebühr entgehen zu
lassen«, ätzt der Rezensent der »Berliner Börsen-Zeitung«.32 Kuh hat
nicht nur die über den polnischen Landarbeiter Josef Jakubowski ver-
hängte und am 15. Feber 1926 in der Haftanstalt Neustrelitz-Strelitz
mit dem Handbeil vollzogene Todesstrafe wieder einmal als das bezeich-
net, was sie war: Justizmord
– er hat sich auch erlaubt, sein vergnügungs-
süchtiges Auditorium an Carl von Ossietzky zu erinnern, der kein
halbes Jahr zuvor seine Kerkerstrafe hatte antreten müssen, weil es den
deutschen Militärs mit ihren Handlangern am Reichsgericht gelungen
war, an dem mißliebigen verantwortlichen Redakteur der linken »Welt-
bühne« ein Exempel zu statuieren und damit die kritische Presse wenn
schon nicht mundtot zu machen, so doch nachdrücklich einzuschüch-
tern. Er »redete sich verschiedene Steine vom Herzen. Sein Vortrag
verwandelt sie in Edelsteine, die in vielen Farben glitzern. Das Parkett
witterte hinter dem schimmernden Spass das Moralische, liess sich aber
nicht irritieren und bedankte sich für die vielen bitteren Wahrheiten
mit mächtigen Beifall.«33
Mit seinem Vortrag »Was würde Goethe dazu sagen?« wagt sich
Anton Kuh am 23. November 1932 in sudetendeutsches Gebiet, nach
Aussig. Und vollbringt dort mit seinen respektlosen Ausführungen über
den »Dichterfürsten« – Kuh bringt schon den Namen »Goethe« ohne
den stimmlichen Bauchaufzug des G., der im Goethe-Jahr zu jedem
Goethe-Zitat und erst recht zu jedem Goethe-Vortrag zu gehören
scheint
– »eine Art zweites Wunder von Kanaan«, wie der Rezensent des
»Aussiger Tagblatts« staunend registriert. Er meint damit »nicht
so sehr die Umwandlung von Cognak in Esprit«, den Kuh »mit
Sarkasmen gewürzt, aber auch mit Liebenswürdigkeiten gar-
niert nur so aus dem Smokingärmel schüttelte«. Das Wunder,
das Kuh vollbringt, der in weiten thematischen Bögen zum
»dazu« im Vortragstitel führt, in die Berliner Wilhelmstraße,
ins Deutschland der Jahreswende 1932/1933, zum repressiven
Ungeist des Nationalismus deutscher Spielart, sieht der Rezen-
sent darin, »daß alle Zuhörer von seiner Sprachgewalt gepackt wurden,
mitgingen (Zustimmungsrufe u. stecknadelerprobbare Aufmerksam-
keitsstille waren vernehmlicher Ausdruck), in den Spiegel, den Kuh da
hinhielt, hineinsahen und daß der ganze, sehr gut besuchte große Stadt-
büchereisaal (inklusive Galerie und den ersten fünf Reihen) applau-
dierte, lebhaft, laut Beifall klatschte.«34
Aussig /
Ústí nad Labem,
Stadtbücherei,
Großer Saal,
23.11.1932,
20 Uhr:
Was würde
Goethe dazu
sagen?
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien