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Das Publikum im ausverkauften Saal der Prager Produktenbörse ist
vier Tage darauf nicht nur gekommen, um Kuh zu hören, sondern auch,
um über den Prozeß mehr zu erfahren, als in den Zeitungsberichten zu
lesen steht. »In dieser Erwartung sah es sich allerdings ge-
täuscht. Das ist nicht so sehr die Schuld Anton Kuhs […] als
vielmehr des Publikums, das sich in der Vorstellung geirrt hat.
Es wollte am Jahrmarkt Moritaten hören und sah einen Sche-
renschleifer, der in der Dunkelheit sprühende Funken stieben
ließ. / Auf den harten, klaren Rechtsfall kam es Kuh dabei nicht an. In
dem Verständnis, das dem Fall vom Publikum entgegengebracht wird,
entdeckte er die Mitschuld. […] Bei einer Sache, bei der es wahrhaftig
nichts zu lachen gibt, wurde herzlich und viel gelacht. Nicht die Szene
ward zum Tribunal, sondern das Tribunal zu einer Szene, von der Kuh
aussagte, sie sei schon in Shakespeare beschlossen, dort, wo die Capulets
und die Montagues einander gegenseitig Schurken nennen, und sich das
herbe Los ihrer Kinder, Juliens und Romeos, erfüllt.«35
Nach seinem Vortrag, in dem er einige Spitzen gegen Karl Kraus
anbringt, wird Kuh von etwa zwanzig Kraus-Jüngeln in der Halle des
»Blauen Stern« attackiert. Die »Vossische Zeitung« berichtet tags dar-
auf in einer anonymen Notiz über den aufsehenerregenden Zwischen-
fall. Anton Kuh stellt in einer Zuschrift richtig: »Sie schreiben
in Ihrer letzten Montagnummer unter dem Titel ›Konflikt um
Anton Kuh‹, ich hätte den bei dem Prager Vorfall intervenie-
renden Polizisten einen ›Vortrag über Karl Kraus‹ gehalten,
über den sich jene kopfschüttelnd entfernt hätten. Ich würde
mich nicht schämen, auf dem Weg solcher Kleinarbeit Auf-
klärung in die breiten Schichten zu tragen. Tatsächlich aber
verlief die Sache so, daß ich den Wachleuten, die mich nach
dem Hergang des Vorfalls fragten, den Verzicht auf eine wei-
tere Strafverfolgung der jungen, zum Überfall auf mich ver-
einten Leute aussprach, da der Fall für mich mit der Ohrfeige, die ich
einem der Kraus-Freunde appliziert hatte, ritterlich erledigt sei. Soweit
hierin in nuce ein ›Vortrag über Karl Kraus‹ zu erblicken ist, will ich
mich gern dazu bekennen.«36 – Klarstellung: »Eine Ohrfeige
darf nichts als das klatschende Endglied einer Kette unausge-
sprochener, schlüssiger Argumente sein. Wenn sie nicht wie
ein Bonmot zündet, gehört sie vors Bezirksgericht.«37
Einen »erfreulich unsentimentalen Blick auf die Lage im
Jahre 1932« eröffnet Kuh auch seinen zahlreichen Zuhörern
im Hamburger Kleinen Schauspielhaus. »Am Ende empfahl
sich der Witz, um die traurige Groteske unserer Wirklichkeit Prag,
Produktenbörse,
27.11.1932,
20 Uhr:
Prozeß
Caro – Petschek
Mährisch-Ostrau /
Moravská Ostrava,
Deutsches Theater,
4.12.1932, 20 Uhr:
»Caro und
Petschek« von
William
Shakespeare,
in freier Rede
übertragen von
Anton Kuh
Hamburg, Kleines
Schauspielhaus,
6.12.1932,
20.15 Uhr:
Caro und Petschek
von William
Shakespeare in
freier Rede
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien