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Zwei Stunden improvisiert Kuh dann im Konzerthaus über das alte
Österreich, jenes »Paneuropa im kleinen«, die Franz-Joseph-Renais-
sance, die Schwächen der Demokratie, die franziszeisch-josephinische
»Nobelbureaukratie«, die das genaue Gegenteil der aktuellen »Pöbel-
diktatur« gewesen sei, über die »Zeit der Freigelassenen, nicht der
Freien, die jetzt angebrochen« sei und die die »Sehnsucht nach jener Zeit
begreiflich erscheinen [lasse], der Franz Josef sein Symbol aufgedrückt
hat«.5 Und zwei Stunden hindurch schlagen Braunhemden im
bis auf den letzten Platz gefüllten Saal Radau, pöbeln das Pu-
blikum an, krakeelen
– »weil man es dem ›Juden‹ schon zeigen
wollte. Und dem ›Intelligenzler‹«.6 Kuh bricht mit dem Fazit
ab: »Flüchtet nicht in die ›besonnte‹ Vergangenheit, um euch
daraus eine schöne Zukunft zu erträumen – denn die Zukunft
wird nicht schön sein, sondern steht mit blutroten Zeichen am Hori-
zont!«7
Das »launige« Fazit des »Kikeriki!«: »›Hörst, Ferdl, warst Du auch
beim Vortrag des Asphaltliteraten Anton Kuh?‹ – ›Aber, Schurl, was
a Kuh erzählt, kann doch höchstens »rote Ochsen« int’ressier’n, aber
mi net.‹«8
Darüber, wie die kurz vor der endgültigen Machtübernahme in
Deutschland stehenden Nationalsozialisten mit »Kulturbolschewiken«
seiner Couleur verfahren würden, gibt Kuh sich keinen Illusionen hin.
In seinem letzten Beitrag zur »Vossischen Zeitung« vom 29. Januar
1933
– am 30. Januar ernennt der greise Hindenburg Adolf Hitler zum
Reichskanzler – über Stendhal und dessen Zensoren bringt er unmiß-
verständlich zum Ausdruck, daß die »in Freiheit losgelassenen behörd-
lichen Domestiken« des NS-Staats mit »Intelligenzlern« wie ihm, an-
ders als die altösterreichische Bürokratie mit Stendhal, kein Federlesens
machen würden.9
Ende Feber
– nach dem Reichstagsbrand in der Nacht des 27. Feber,
der den Übergang von willkürlichen Schikanen zum Staatsterrorismus
in Deutschland markiert
–, Anfang März 1933 sieht man in Wien jeden
Tag neue – bekannte – Gesichter auftauchen, jeden Tag werden neue
Namen von Flüchtenden kolportiert. Und auch jene sind in den Wiener
Kaffeehäusern noch immer zu sehen, die kurz nach dem 30. Januar
gekommen waren und erklärt hatten, demnächst wieder nach Deutsch-
land zurückkehren zu wollen. Die »Wiener Allgemeine Zeitung« be-
richtet am 14. März unter dem Titel »Die Flucht des geistigen Deutsch-
land nach Wien«, daß man Anton Kuh »noch immer in irgend einem
Schanklokal der Inneren Stadt bei einem Schnitt Pilsner sitzend« an-
treffen könne, ebenso Leo Lania und Rudolf Olden, auch Theodor
Wien,
Konzerthaus,
Mittlerer Saal,
9.2.1933,
19.30 Uhr:
Schützet Franz
Joseph!
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien