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Tagger, der zur Premiere seiner »Marquise von O« gekommen war,
Max Reinhardt, Leopold Schwarzschild, Bert Brecht, Stefan Ehren-
zweig, Alfred Polgar werde heute oder morgen eintreffen.10
Postwendend höhnt tags darauf die nationalsozialistische »Dötz« über
die »Kohorten«, die von den »Wiener Judenblättern als ›das geistige
Deutschland‹ bezeichnet werden« und die nun nach Österreich strö-
men, wo sie ja herstammen, »denn in den letzten fünfzig Jahren haben
die Wiener Juden an Virulenz die Frankfurter, Mannheimer usw. bei
weitem übertroffen, da sie ja immer frische Blutzufuhr aus Galizien,
Rußland, Rumänien und Tschechien erhielten«, und empfiehlt statt Wien
Madagaskar, diese »paradiesische Insel, welche reichlich Raum für
noch 50 bis 60 Millionen Menschen hat und nicht nur das ›geistige‹,
sondern auch das wuchernde, handelnde, spielende Deutschland vom
Schlage Wiener Judenblätter aufnehmen« könne.11 In der Nummer vom
15. März geht »Mungo«, bürgerlich Valentin Schuster, ins Detail, be-
richtet von der »hellgackernden Aufregung«, die im »Herrenhof«, im
»Central« und im »Rebhuhn« herrsche. »Jeder Schnellzug aus dem
Reiche speit kraushaarige Kulturverfechter auf den Perron, die sich dann
atemlos in eines der drei genannten Kapua der Geister flüchten, um mit
irrlichternden Augen von abgehackten Händen zu erzählen, von abge-
schnittenen Ohren, die von S. A.-Leuten auf Schnüre gefädelt um den
Hals getragen werden … die kernweichen Eier im Glas werden vor
Schreck starr und hart.« Um dann über einzelne der »Konjunktur-
ritter«, die sechs, acht Jahre zuvor Wien des miserablen Schillings wegen
verlassen hatten, herzuziehen, darunter einen, der schon vor seinem
Weggang »ständig im Herrenhof« wohnte, und das unangemeldet:
»Hinter einem giftgrünen Aperitifglas […] ein Monokel. Verfilzte Haare
flattern wirr um ein Medusenhaupt. Teint sehr unrein. Gesichtshaut
verknittert wie weggeworfenes Zeitungspapier, das aufgelesen und über
ein Knie geplättet wurde. Weiße Gamaschen. Weiße Krawatte. Beides
wandert vierteljährlich in die Putzerei. (Daher weiß ich, daß beide
Kleidungsstücke weiß sind.) Anton Kuh. […] Auch Kuh konnte dem
Zug ins Reich nicht widerstehen. Er ließ sich eines Tages die Absätze
richten und verschwand. Wenn er heute hier in Wien ist, so kommt dies
daher, daß er nach seinem letzten Vortrag erst gar nicht wieder in seine
›Wahlheimat‹ zurückkehrte. Er hat sich am raschesten bei uns einge-
bürgert.«12 Mungo stöhnt auf unter der »Heimsuchung« Wiens durch die
Heimkehrer, die er mit einer der sieben biblischen Plagen vergleicht.
An Häme und Drastik der Wortwahl nur noch übertroffen von der
zionistischen »Neuen Welt«, die da geifert: Wer denn damals schnöde
höherer Honorare für »kulturelle und künstlerische Leistungen« wegen
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien