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könnte das die Geburt des Ereignisses aus dem antizipierten End-
Communiqué nennen. Die Propaganda befiehlt solcherart in der Tat
dem Ereignis. Aus dem bereits in der Schreibtischlade befindlichen
Kriegsultimatum sozusagen wird das vorausgehende, anpassungsvolle
Friedensgeplänkel betrieben. Wie will die Umwelt mit dieser Methode
mitkommen! Wie kann sie, die den umgekehrten Weg nimmt, ohne
tiefstes Misstrauen den Verschwörern gewachsen sein! – indem sie
deren Redaktions-Methode sich zu eigen macht!«12
Weil der Vortrag von Hans Natonek in dessen Kolumne »Wochen-
revue« nur kursorisch plaudrig und ohne auf den Inhalt einzugehen
gestreift wird,13 protestieren zahlreiche Leser, woraufhin der »Montag«
eine ausführliche Besprechung von Dr. Arthur Lederer, Brünn, nach-
reicht, der sich dagegen verwahrt, daß Natonek Kuhs Ausführungen
als »genial-unwiderstehlichen, rasanten Sprühregen einer Wortdusche«
bezeichnet und über der brillanten Form sich dem Inhalt völlig ver-
schlossen hatte. Wie schon die »Weltbühne«, die es bedauert hatte, daß
der »grandiose Vortrag« nicht durch den Rundfunk übertragen worden
ist, regt auch Lederer an, Kuhs meisterhafte Analyse des Faschismus als
»Eintritt eines neuen Standes, nämlich der entfesselten Subalternen, in
die Weltgeschichte«, in Broschürenform erscheinen zu lassen. Und em-
pört sich über die Undankbarkeit, in einer derart substantiellen Rede
bloß einen geistigen Sprühregen sehen zu wollen. Damit gebe man
nämlich »das Geschenk des Redners: seine Gedanken nicht in öden
akademischen Abstraktionen, sondern in wirklichkeitsvollen, fesselnden
Bildern und Blitzen vorzutragen, als Einwand zurück! Es war ja von
jeher ein Aberglaube unter den Deutschen, dass der ›seriöse Redner‹ ein
würdevolles Vokabular gebrauchen und seine Hörer langweilen müsse.
Aber ist
– um wieder mit einem Ausspruch Kuhs zu reden
– der Pytha-
goreische Lehrsatz etwa deshalb unwahrer, weil man über ihn auch
lachen könnte?«14
Selbst wenn Kuh nicht Klartext redet, sondern sich den Zwang auf-
erlegt, Dinge auszusprechen, ohne sie zu benennen, wie bei seinem
letzten Vortrag in Wien am 18. November 1937 im Offenbach-Saal,
fällt »manches Wort, das mit erschreckender Klarheit Situationsbericht
und Deutung zugleich war«.15
Gast der »Jüdischen Kulturstelle«, wird er ohnehin recht
deutlich: »Was den Judenpunkt oder die Judenfrage anlangt,
jonglierte Kuh mit dem Bonmot, die Juden seien dumm ge-
wesen, weil sie all das, was ihnen der ›deutsche‹ Antisemitis-
mus anhängte, nicht getan hätten; nicht auf Machteroberung
und nicht auf Weltorganisation und nicht auf Herrschenwollen
Wien,
Offenbach-Saal,
18.11.1937,
20 Uhr:
Das dümmste
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Buch Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Anton Kuh
- Untertitel
- Biographie
- Autor
- Walter Schübler
- Verlag
- Wallstein Verlag
- Ort
- Göttingen
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Abmessungen
- 13.8 x 22.2 cm
- Seiten
- 576
- Kategorie
- Biographien