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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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Während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 wirkte Billroth freiwillig bei der Errich- tung von Kriegslazaretten auf preußischer Sei- te mit. Seine dortigen Erfahrungen nutzte er, um nach den Ursachen des Wundbrands zu for- schen. Denn Wundinfektionen stellten die größ- te medizinische Problematik sowohl in der Be- handlung verwundeter Soldaten als auch in der postoperativen Nachsorge ziviler PatientInnen dar. Seit den späten 1860er-Jahren kursierten Theorien über die Ursachen des Wundbrands und dessen Bekämpfung. Basierend auf Louis Pasteurs Keimtheorie empfahl der englische Arzt Lord Joseph Lister die großflächige Behandlung der Räume bzw. der Raumluft mit Karbolsäure.8 Billroth zweifelte jedoch lange an Listers Theo- rie und deren Wirksamkeit. Erst im Jahr 1878 führte Billroth antiseptische Methoden und ins- besondere das Tragen von reinen OP-Kitteln bei seinen Operationen verpflichtend ein.9 Dadurch wurde Billroth zu einem der Pioniere der Anti- sepsis in Wien. Die keimfreie Wundbehandlung hob die Überlebensrate seiner PatientInnen sig- nifikant.10 Insgesamt basierte der Erfolg der medizini- schen und im Speziellen der chirurgischen Pra- xis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf zwei Neuerungen: Zum einen erlaubten über- haupt erst die Fortschritte der Anästhesie ab den 1840er-Jahren größere, schmerzfreie Eingriffe. Zum anderen brachten die Kenntnis und die Ak- zeptanz antiseptischer Methoden einen Durch- bruch gegen postoperative Wundinfektionen. Mit seinem Engagement für das Rudolfi- nerhaus, das als Lehrkrankenhaus für die erste Krankenpflegerinnenschule konzipiert war, setz- te Billroth weitere Akzente in der medizinischen Nachsorge. Neben seinen chirurgischen Leistun- gen trat er stark für die universitäre Lehre ein und war dadurch bei einem Großteil der Stu- denten sehr beliebt. Im medizinischen und wis- senschaftlichen Kontext gilt Billroth daher als herausragender Forscher und Arzt, dem die mo- derne Medizin enorme Fortschritte verdankt. Aufgrund seiner antisemitischen Äußerun- gen und Agitation muss er im historischen Dis- kurs als ambivalente Persönlichkeit gesehen werden. In seiner Schrift „Über das Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften an den Universitäten der deutschen Nation“ be- klagte er die Überfüllung der Hörsäle mit jüdi- schen Studierenden, denen er rassisch begrün- det die Voraussetzungen zur wissenschaftlichen Kompetenz absprach.11 Mit dieser Aussage heizte er die seit dem Börsenkrach 1873 bereits höchst Medicus in effigie 107 8 Th. Schlich, Asepsis and Bacteriology: A Realignment of Surgery and Laboratory Science, in: Medical History, Vol. 56/3 (2012), S. 309. 9 Genschorek, Wegbereiter (zit. Anm. 8), S. 187. Siehe auch K. Lovecky/B. Panning, … nicht einmal ein Tröpf- chen Blut. Adalbert Seligmanns Gemälde „Der Billroth’sche Hörsaal im Allgemeinen Wiener Krankenhaus“, in: Wiener Geschichtsblätter, 68. Jg., Heft 3 (2013), S. 229; S. Abend, Götter in Weiß. Arztmythen in der Kunst, Hil- den 2010, S. 130–136. 10 Billroths spektakulärste Operation war die erste erfolgreiche Magenresektion im Jahr 1881, bei der er einer Patien- tin einen 14 cm großen Tumor aus der Magenwand entfernte. Siehe Genschorek, Wegbereiter (zit. Anm. 8), S. 203–204. 11 Th. Billroth, Über das Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften an den Universitäten der deutschen Nation. Eine Culturstudie, Wien 1875, S. 149–153; F. Seebacher, Das Fremde im „deutschen“ Tempel der Wissen- schaften. Brüche in der Wissenschaftskultur der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, Wien 2011, S. 101; O. Rathkolb, Gewalt und Antisemitismus an der Universität Wien und die Badeni-Krise 1897. Davor und danach, in: Der lange Schatten des Antisemitismus: Kritische Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Universität Wien im 19. und 20. Jahrhundert (hrsg. von O. Rathkolb), Göttingen 2013, S. 71–72; F. Seebacher, „Der operierte Chi- rurg“. Theodor Billroths Deutschnationalismus und akademischer Antisemitismus, in: Zeitschrift für Geschichts- wissenschaft 54 (2006), S. 317–338.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Titel
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Herausgeber
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Abmessungen
18.5 x 26.0 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
Kategorien
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