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im späten 19. Jahrhundert war die von Antise-
miten behauptete „Verjudung der Universität“
Thema von Reichstagsreden.20 Dazu war es un-
ter den Prämissen des völkischen Antisemitismus
notwendig zu wissen, wer als Jude gelten sollte
und wer nicht. Diese Fragen wurden auch in der
Tagespresse offen artikuliert. Im Zweifel konn-
ten mithilfe von antisemitischen biografischen
Nachschlagewerken, wie dem in mehreren Auf-
lagen erschienenen „Semi-Kürschner“ oder dem
„Semi-Gotha“, gesuchte und gewünschte Ant-
worten gefunden werden.21
Der NS-Studentenschaft waren die Maß-
nahmen des Rektors jedenfalls zu zeitraubend
und langwierig. Noch bevor alle Dekanate die
gewünschten Informationen liefern konnten, er-
schien am 4. November 1938 ein Vertreter des
Studentenführers bei Rektor Knoll und urgier-
te, dass endlich etwas in dieser Angelegenheit ge-
schehen müsse. Als Begründung gab er an, dass
am 11. November in der Säulenhalle (Aula) der
Universität die Langemarck-Feier stattfinden
würde, dass in diesem Rahmen auch eine Rund-
funkübertragung in den Arkadenhof geplant sei
und dass dort deshalb unbedingt mindestens vor-
läufige Maßnahmen getroffen werden müssten.
Der Vertreter der Studentenführung erwähnte
ausdrücklich die Untragbarkeit des Standbildes
von Emil Zuckerkandl, weil es durch seine jüdi-
schen Handbewegungen die Studierenden gerade-
zu herausfordere. 22
Für die deutschvölkischen und die natio-
nalsozialistischen Studenten spielte der politi-
sche Langemarck-Mythos vom an der Westfront kämpfenden und den Heldentod sterbenden
Studenten eine herausragende Rolle. An der Uni-
versität Wien wurde nach deutschem Vorbild ein
„Langemarckstudium“ eingerichtet: ein Vorbe-
reitungsstudium, das parteitreue Nationalsozia-
listen aus der Unterschicht förderte. In der Säu-
lenhalle (Aula) der Universität befand sich der
„Siegfriedskopf“, das sogenannte Heldendenk-
mal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges,
welches 1923 unter maßgeblicher Mitwirkung
der Deutschen Studentenschaft errichtet wor-
den war. Es verweist auf die Siegfriedmythologie
der Nibelungensage und die „Dolchstoßlegen-
de“ des Ersten Weltkriegs. Für die deutschvölki-
schen Studenten, welche von der Deutschen Stu-
dentenschaft, in der die nationalsozialistischen
Studierenden seit 1931 die Mehrheit stellten, re-
präsentiert wurden, war dieses Denkmal Kristal-
lisationspunkt ihrer universitätspolitischen Prä-
senz.23 Ziel war es, in der Auseinandersetzung
um ein Studentenrecht in der Ersten Republik
einen Numerus clausus für jüdische Studierende
durchzusetzen. Insbesondere Anfang der Drei-
ßigerjahre waren Veranstaltungen und Demons-
trationen um den Siegfriedskopf Ausgangspunkt
für gewalttätige Zusammenstöße, in deren Ver-
lauf regelrecht Jagd auf jüdische und sozialde-
mokratische Studierende gemacht wurde. Zu
solchen Ausschreitungen kam es auch regel-
mäßig im Zusammenhang mit dem samstägi-
gen Bummel von schlagenden Burschenschaften
im Arkadenhof.24
Für die Langemarck-Feier 1938 waren beide
symbolträchtigen Orte, die Aula mit dem Sieg-
123die
„ausmerzung von denkmälern“ im arkadenhof
Deutschnationalismus 1938, davor und danach, in: Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945 (hrsg.
von G. Heiss/S. Mattl/S. Meissl/E. Saurer/K. Stuhlpfarrer), Wien 1989, S. 197–200.
20 J. S. Bloch, Erinnerungen aus meinem Leben, Wien/Leipzig 1922, S. 261–262.
21 G. Hufenreuter, Völkischer Antisemitismus, in: Handbuch des Antisemitismus (hrsg. von W. Benz), Bd. 3, Ber-
lin/New York 2010, S. 342.
22 Alle Zitate aus: UAW (zit. Anm. 1).
23 Zu Langemarck-Mythos und Siegfriedskopf vgl. die Website des Forum Zeitgeschichte: http://www.univie.ac.at/de/
universitaet/forum-zeitgeschichte/gedenkkultur/siegfriedskopf/#c1201, abgerufen am 1. September 2014.
24 M. Grandner/G. Heiss/E. Klamper, Im Kampf um das Haupt des deutschen Helden Siegfried, in: FORUM,
37/444, 15. Dez. 1990, S. 62.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken