Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Chroniken
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Seite - 123 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 123 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

Bild der Seite - 123 -

Bild der Seite - 123 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

Text der Seite - 123 -

im späten 19. Jahrhundert war die von Antise- miten behauptete „Verjudung der Universität“ Thema von Reichstagsreden.20 Dazu war es un- ter den Prämissen des völkischen Antisemitismus notwendig zu wissen, wer als Jude gelten sollte und wer nicht. Diese Fragen wurden auch in der Tagespresse offen artikuliert. Im Zweifel konn- ten mithilfe von antisemitischen biografischen Nachschlagewerken, wie dem in mehreren Auf- lagen erschienenen „Semi-Kürschner“ oder dem „Semi-Gotha“, gesuchte und gewünschte Ant- worten gefunden werden.21 Der NS-Studentenschaft waren die Maß- nahmen des Rektors jedenfalls zu zeitraubend und langwierig. Noch bevor alle Dekanate die gewünschten Informationen liefern konnten, er- schien am 4. November 1938 ein Vertreter des Studentenführers bei Rektor Knoll und urgier- te, dass endlich etwas in dieser Angelegenheit ge- schehen müsse. Als Begründung gab er an, dass am 11. November in der Säulenhalle (Aula) der Universität die Langemarck-Feier stattfinden würde, dass in diesem Rahmen auch eine Rund- funkübertragung in den Arkadenhof geplant sei und dass dort deshalb unbedingt mindestens vor- läufige Maßnahmen getroffen werden müssten. Der Vertreter der Studentenführung erwähnte ausdrücklich die Untragbarkeit des Standbildes von Emil Zuckerkandl, weil es durch seine jüdi- schen Handbewegungen die Studierenden gerade- zu herausfordere. 22 Für die deutschvölkischen und die natio- nalsozialistischen Studenten spielte der politi- sche Langemarck-Mythos vom an der Westfront kämpfenden und den Heldentod sterbenden Studenten eine herausragende Rolle. An der Uni- versität Wien wurde nach deutschem Vorbild ein „Langemarckstudium“ eingerichtet: ein Vorbe- reitungsstudium, das parteitreue Nationalsozia- listen aus der Unterschicht förderte. In der Säu- lenhalle (Aula) der Universität befand sich der „Siegfriedskopf“, das sogenannte Heldendenk- mal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, welches 1923 unter maßgeblicher Mitwirkung der Deutschen Studentenschaft errichtet wor- den war. Es verweist auf die Siegfriedmythologie der Nibelungensage und die „Dolchstoßlegen- de“ des Ersten Weltkriegs. Für die deutschvölki- schen Studenten, welche von der Deutschen Stu- dentenschaft, in der die nationalsozialistischen Studierenden seit 1931 die Mehrheit stellten, re- präsentiert wurden, war dieses Denkmal Kristal- lisationspunkt ihrer universitätspolitischen Prä- senz.23 Ziel war es, in der Auseinandersetzung um ein Studentenrecht in der Ersten Republik einen Numerus clausus für jüdische Studierende durchzusetzen. Insbesondere Anfang der Drei- ßigerjahre waren Veranstaltungen und Demons- trationen um den Siegfriedskopf Ausgangspunkt für gewalttätige Zusammenstöße, in deren Ver- lauf regelrecht Jagd auf jüdische und sozialde- mokratische Studierende gemacht wurde. Zu solchen Ausschreitungen kam es auch regel- mäßig im Zusammenhang mit dem samstägi- gen Bummel von schlagenden Burschenschaften im Arkadenhof.24 Für die Langemarck-Feier 1938 waren beide symbolträchtigen Orte, die Aula mit dem Sieg- 123die „ausmerzung von denkmälern“ im arkadenhof Deutschnationalismus 1938, davor und danach, in: Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945 (hrsg. von G. Heiss/S. Mattl/S. Meissl/E. Saurer/K. Stuhlpfarrer), Wien 1989, S. 197–200. 20 J. S. Bloch, Erinnerungen aus meinem Leben, Wien/Leipzig 1922, S. 261–262. 21 G. Hufenreuter, Völkischer Antisemitismus, in: Handbuch des Antisemitismus (hrsg. von W. Benz), Bd. 3, Ber- lin/New York 2010, S. 342. 22 Alle Zitate aus: UAW (zit. Anm. 1). 23 Zu Langemarck-Mythos und Siegfriedskopf vgl. die Website des Forum Zeitgeschichte: http://www.univie.ac.at/de/ universitaet/forum-zeitgeschichte/gedenkkultur/siegfriedskopf/#c1201, abgerufen am 1. September 2014. 24 M. Grandner/G. Heiss/E. Klamper, Im Kampf um das Haupt des deutschen Helden Siegfried, in: FORUM, 37/444, 15. Dez. 1990, S. 62.
zurück zum  Buch Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa"
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Titel
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Herausgeber
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Abmessungen
18.5 x 26.0 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
Kategorien
Geschichte Chroniken
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa