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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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friedskopf und der Arkadenhof, von Bedeu- tung. Das Zentrum der Feier bildete der Sieg- friedskopf, wo das Rednerpult aufgestellt war. An der Feier sollten Studierende aller Wie- ner Hochschulen teilnehmen, darüber hinaus Abordnungen der Wehrmacht und verschiede- ner NS-Teilorganisationen sowie hohe Reprä- sentanten der NS- Hierarchie in Österreich.25 Einen Höhepunkt stellte die Liveübertragung der Rundfunkansprache des Reichsstudenten- führers Scheel vom Friedhof im belgischen Lan- gemarck dar, die, so wie wohl auch die vor Ort gehaltenen Reden, in den Arkadenhof mit Laut- sprechern übertragen wurde.26 Die Feier war zur Gänze eine Veranstaltung der Reichsstudenten- führung, an welcher der Rektor der Universität Wien selbst nur als Gast teilgenommen hat. Die NS-Studentenführung agierte hier so, als ob sie über das Hausrecht an der Universität Wien ver- fügen würde. Es gab kein formales Ansuchen an den Rektor zur Abhaltung der Feier, er wurde lediglich darüber informiert, dass sie stattfinden würde.27 Das Drängen der Studentenführung auf die Entfernung von Denkmälern noch vor Abhaltung der unmittelbar bevorstehenden Langemarck-Feier zwang den Rektor Fritz Knoll zur Zusage, dass dies umgehend von ihm ver- anlasst und noch vor Abschluss der von ihm beauftragten Recherchen durch die Dekanate erfolgen werde. Doch schon am folgenden Tag, am Samstag, den 5. November 1938, wurde die- se Absprache von den Studenten durch einen Gewaltakt torpediert. Sie beschädigten und be- schmierten mehrere Denkmäler vermeintlich jü- discher Professoren im Arkadenhof: - Das Denkmal von Emil Zuckerkandl, wel- ches nach Ansicht der Nazi-Studenten durch seine „jüdischen Handbewegungen“ provo- zierte, wurde umgestürzt und beschädigt; - die Denkmäler von Joseph von Sonnenfels, Julius Wiesner, Heinrich Bamberger, Mo- riz Kaposi und Guido Goldschmiedt wurden zum Teil schwer beschädigt; - und alle diese sowie die Denkmäler von Adolf Mussafia, Julius Glaser, Ernst (von) Fleischl- Marxow und Gustav Bickell mit Eisenlack be- schmiert.28 An diesem Vorkommnis lassen sich die Span- nungen und die Rivalitäten unter den Reprä- sentanten der NS-Hierarchie an der Universität deutlich ablesen. Als jemand, der von der Grö- ße und Wichtigkeit der Aufgabe, die „Gleich- schaltung“ der Universität Wien unter dem An- schein geordneter Verhältnisse durchzuführen, überzeugt war, fühlte sich Rektor Knoll vom Ge- waltakt der Studenten brüskiert. In seinem Be- richt warf er ihnen vor, nicht nur einige jüdi- sche Denkmäler übersehen zu haben, sondern auch, dass sie das Denkmal eines „Ariers“ be- schädigt hatten, nämlich jenes des Orientalisten Gustav Bickell. Wie Knoll vermutete, war es ent- weder die Aufschrift „Professor der Semitologie“ oder die Verwechslung des Namens Bickell mit dem jüdisch klingenden Namen Pick, die dazu den Anlass gegeben hätte.29 Ob die Studenten in diesem Fall tatsächlich so ahnungslos waren, wie Knoll unterstellte, kann jedoch auch in Frage ge- stellt werden. Bickells Name stand nämlich in Verbindung mit dem katholischen Antijudaisten August Rohling, dessen Werk „Der Talmudjude“ im Nationalsozialismus als Standardwerk des An- tisemitismus anerkannt war. Bickell hatte Roh- lings jüdische Ritualmordthese als „reinste[n], auf grober Unwissenheit beruhende[n] Schwin- del“ bezeichnet, was als einer der Nachweise gilt, thomas maisel124 25 Vgl. etwa den Bericht in der Neuen Freien Presse, Nr. 26644 W, 12. 11. 1938, S. 7. 26 UAW, Senat G.Z. 1336 aus 1937/38. 27 UAW (zit. Anm. 26). 28 UAW, Bericht der Universitäts-Gebäude-Inspektion vom 7. 11. 1938, Senat G.Z. 184 aus 1938/39, ONr. 1. 29 UAW (zit. Anm. 1). Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Titel
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Herausgeber
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Abmessungen
18.5 x 26.0 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
Kategorien
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