Seite - 124 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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friedskopf und der Arkadenhof, von Bedeu-
tung. Das Zentrum der Feier bildete der Sieg-
friedskopf, wo das Rednerpult aufgestellt war.
An der Feier sollten Studierende aller Wie-
ner Hochschulen teilnehmen, darüber hinaus
Abordnungen der Wehrmacht und verschiede-
ner NS-Teilorganisationen sowie hohe Reprä-
sentanten der NS- Hierarchie in Österreich.25
Einen Höhepunkt stellte die Liveübertragung
der Rundfunkansprache des Reichsstudenten-
führers Scheel vom Friedhof im belgischen Lan-
gemarck dar, die, so wie wohl auch die vor Ort
gehaltenen Reden, in den Arkadenhof mit Laut-
sprechern übertragen wurde.26 Die Feier war zur
Gänze eine Veranstaltung der Reichsstudenten-
führung, an welcher der Rektor der Universität
Wien selbst nur als Gast teilgenommen hat. Die
NS-Studentenführung agierte hier so, als ob sie
über das Hausrecht an der Universität Wien ver-
fügen würde. Es gab kein formales Ansuchen an
den Rektor zur Abhaltung der Feier, er wurde
lediglich darüber informiert, dass sie stattfinden
würde.27
Das Drängen der Studentenführung auf
die Entfernung von Denkmälern noch vor
Abhaltung der unmittelbar bevorstehenden
Langemarck-Feier zwang den Rektor Fritz Knoll
zur Zusage, dass dies umgehend von ihm ver-
anlasst und noch vor Abschluss der von ihm
beauftragten Recherchen durch die Dekanate
erfolgen werde. Doch schon am folgenden Tag,
am Samstag, den 5. November 1938, wurde die-
se Absprache von den Studenten durch einen
Gewaltakt torpediert. Sie beschädigten und be-
schmierten mehrere Denkmäler vermeintlich jü-
discher Professoren im Arkadenhof:
- Das Denkmal von Emil Zuckerkandl, wel-
ches nach Ansicht der Nazi-Studenten durch seine „jüdischen Handbewegungen“ provo-
zierte, wurde umgestürzt und beschädigt;
- die Denkmäler von Joseph von Sonnenfels,
Julius Wiesner, Heinrich Bamberger, Mo-
riz Kaposi und Guido Goldschmiedt wurden
zum Teil schwer beschädigt;
- und alle diese sowie die Denkmäler von Adolf
Mussafia, Julius Glaser, Ernst (von) Fleischl-
Marxow und Gustav Bickell mit Eisenlack be-
schmiert.28
An diesem Vorkommnis lassen sich die Span-
nungen und die Rivalitäten unter den Reprä-
sentanten der NS-Hierarchie an der Universität
deutlich ablesen. Als jemand, der von der Grö-
ße und Wichtigkeit der Aufgabe, die „Gleich-
schaltung“ der Universität Wien unter dem An-
schein geordneter Verhältnisse durchzuführen,
überzeugt war, fühlte sich Rektor Knoll vom Ge-
waltakt der Studenten brüskiert. In seinem Be-
richt warf er ihnen vor, nicht nur einige jüdi-
sche Denkmäler übersehen zu haben, sondern
auch, dass sie das Denkmal eines „Ariers“ be-
schädigt hatten, nämlich jenes des Orientalisten
Gustav Bickell. Wie Knoll vermutete, war es ent-
weder die Aufschrift „Professor der Semitologie“
oder die Verwechslung des Namens Bickell mit
dem jüdisch klingenden Namen Pick, die dazu
den Anlass gegeben hätte.29 Ob die Studenten in
diesem Fall tatsächlich so ahnungslos waren, wie
Knoll unterstellte, kann jedoch auch in Frage ge-
stellt werden. Bickells Name stand nämlich in
Verbindung mit dem katholischen Antijudaisten
August Rohling, dessen Werk „Der Talmudjude“
im Nationalsozialismus als Standardwerk des An-
tisemitismus anerkannt war. Bickell hatte Roh-
lings jüdische Ritualmordthese als „reinste[n],
auf grober Unwissenheit beruhende[n] Schwin-
del“ bezeichnet, was als einer der Nachweise gilt,
thomas
maisel124
25 Vgl. etwa den Bericht in der Neuen Freien Presse, Nr. 26644 W, 12. 11. 1938, S. 7.
26 UAW, Senat G.Z. 1336 aus 1937/38.
27 UAW (zit. Anm. 26).
28 UAW, Bericht der Universitäts-Gebäude-Inspektion vom 7. 11. 1938, Senat G.Z. 184 aus 1938/39, ONr. 1.
29 UAW (zit. Anm. 1).
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken