Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Chroniken
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Seite - 125 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 125 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

Bild der Seite - 125 -

Bild der Seite - 125 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

Text der Seite - 125 -

die Rohlings Fälschungen und Entstellungen vor Gericht entlarvt hatten.30 Im Aktenbestand der Universität Wien gibt es jedoch keinen Hinweis darauf, dass dieser Sachverhalt den NS-Studen- ten bekannt gewesen wäre. Ebenso könnte die Darstellung syrischer Schriftzeichen, die als heb- räisch fehlgedeutet worden sein könnten, und ei- nes siebenarmigen Leuchters im Zierrahmen des Mosaiks den Anlass für die Beschädigung gege- ben haben. Die Studentenführung hatte ihr Ziel er- reicht: Noch am selben Tag gab Knoll dem Ge- bäudeinspektor den Auftrag, bis auf eines alle be- schädigten Denkmäler entfernen zu lassen. Das mit Eisenlack beschmierte Mosaikdenkmal von Gustav Bickell sollte hingegen wieder instand ge- setzt werden.31 Schon am nächsten Werktag stellte Rek- tor Knoll den Studentenführer Robert Müller zur Rede, welcher zugestand, dass die gewalt- same Aktion gegen die Denkmäler mit seinem Wissen und seiner Zustimmung geschehen sei. Knoll machte ihm schwere Vorwürfe: Wenn er, Müller, nicht in der Lage sei, die Disziplin unter den Studierenden aufrechtzuerhalten, dann wäre es besser, in Hinkunft überhaupt keine Abspra- chen mehr zu treffen. Müller hat diese Vorhal- tungen offenbar kommentarlos hingenommen.32 Dass Knoll disziplinäre Maßnahmen gegen die Studenten in Erwägung gezogen hätte, ist nir- gendwo überliefert. In diesem Zusammenhang muss natür- lich auf die zeitliche Koinzidenz der geschilder- ten Ereignisse an der Universität Wien mit den Novemberpogromen von 1938 und ihrer Vorge- schichte hingewiesen werden. Die Langemarck- Feier, welche durch jüdische Denkmäler nicht gestört werden sollte, fand nur einen Tag nach den von oben gesteuerten Gewaltexzessen der so- genannten „Reichskristallnacht“ statt. Schon in den Wochen zuvor waren die Maßnahmen zur Eliminierung von Juden aus dem öffentlichen Leben verschärft worden und in Wien häuf- ten sich seit Oktober antisemitische, pogrom- artige Ausschreitungen in einer Weise, die an den Terror der ersten „Anschluss“-Tage erinner- ten.33 Auch an der Universität Wien wurden mit Beginn des Wintersemesters 1938/39 antisemiti- sche Maßnahmen verschärft: Ausnahmslos alle Juden wurden vom Studium ausgeschlossen und die bis dahin bestehenden Ausnahme- und Nu- merus-clausus-Regelungen aufgehoben.34 In die- sem Kontext betrachtet, fügt sich der „Denkmal- sturm“ an der Universität Wien in die Reihe von gewalttätigen Aktionen ein, welche in den No- vemberpogromen kulminierten. Unmittelbar nach der Anweisung zur Entfer- nung beschädigter Denkmäler beauftragte Rektor Knoll die Gebäudeinspektion, auch die von den Studenten übersehenen, jedoch im Bericht der Philosophischen Fakultät genannten Denkmäler von Adolf Lieben und Eduard Hanslick abzubau- en.35 In kurzer Folge ergingen weitere Anweisun- gen, wobei auch die Studentenführung wieder aktiv wurde: Sie beantragte die Entfernung der bei ihrer Gewaltaktion verschont gebliebenen Denkmäler für Carl und Anton Menger, für Josef Unger, Karl Stoerk und Leopold Oser. Knoll be- 125 die „ausmerzung von denkmälern“ im arkadenhof 30 Vgl. dazu Bloch, Erinnerungen (zit. Anm. 20), S. 99–101 (das Zitat Bickells dort auf S. 100). Vgl. auch den Artikel „Bickell, Gustav Wilhelm Hugo“ in: Encyclopaedia Judaica 4, Berlin 1929. Zu Rohling vgl. S. Plietzsch, Talmud- Polemik, In: Handbuch des Antisemitismus (zit. Anm. 21), Bd. 3, S. 314. 31 UAW, Amtsvermerk vom 9. 11. 1938, Senat G.Z. 184 aus 1938/39, ONr. 3. 32 UAW (zit. Anm 1). 33 G. Botz, Nationalsozialismus in Wien. Machtübernahme und Herrschaftssicherung 1938/39, Buchloe, 3. Aufl. 1988, S. 397–404. 34 H. Posch/D. Ingrisch/G. Dressel, „Anschluss“ und Ausschluss 1938. Vertriebene und verbliebene Studieren- de der Universität Wien (Emigration – Exil – Kontinuität. Schriften zur zeitgeschichtlichen Kultur- und Wissen- schaftsforschung, hrsg. v. F. Stadler, Bd. 8), Wien/Berlin 2008, S. 114–115. 35 UAW (zit. Anm. 31).
zurück zum  Buch Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa"
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Titel
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Herausgeber
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Abmessungen
18.5 x 26.0 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
Kategorien
Geschichte Chroniken
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa