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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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stätigte diese Aufträge, obwohl er bis zu diesem Zeitpunkt keine Bescheinigung durch die Deka- nate über deren jüdische Abstammung erhalten hatte. Eine Steinmetzfirma montierte in den Ta- gen unmittelbar vor der Langemarck-Feier am 11. November die Denkmäler ab und lagerte sie in Depoträumen des Hauptgebäudes ein. Erst eini- ge Wochen danach wurden auch die Sockel und Postamente abgetragen und weggeräumt.36 In dem Bericht der Gebäudeinspektion wer- den fünfzehn demontierte Denkmäler aufgelistet, wobei auffallend ist, dass das Denkmal für Carl Menger dort nicht aufscheint, sehr wohl jedoch das für seinen Bruder Anton.37 War dies lediglich ein Versehen oder befand sich das Denkmal für den berühmten Nationalökonomen zur Zeit der Langemarck-Feier tatsächlich noch im Arkaden- hof? Es muss während der NS-Herrschaft ent- fernt worden sein, da es nach 1945 bei den wie- der aufgestellten Denkmälern genannt wird.38 Es gibt im Bestand des Universitätsarchivs jedoch keine weiteren Dokumente, welche die Frage des genauen Zeitpunkts klären könnten. Belegt ist hingegen die Tatsache, dass es auch nach der Denkmalsdemontage vom November 1938 in der Professorenschaft Zweifel an der jüdischen Ab- stammung der Familie Menger gab. Der kom- missarische Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät legte am 14. November 1938 Schriftstü- cke vor, die bereits im Zusammenhang mit der Aufstellung des Denkmales von Carl Menger im Jahr 1928 entstanden waren und die dessen „ari- sche“ Abstammung belegen sollten.39 Dies wirft ein weiteres Schlaglicht auf das von Antisemitis- mus geprägte Klima an der Universität zur Zeit der Ersten Republik: Aus Sorge davor, mit der Errichtung eines Denkmals für einen mögli- cherweise jüdischen Professor Ausschreitungen deutschvölkischer Studenten zu provozieren, hat- te man Belege gesammelt, welche eine „arische“ Abstammung des Geehrten nachweisen und „fal- sche Gerüchte“ widerlegen sollten. Rektor Knoll fürchtete daraufhin, möglicherweise selbst einen Fehler begangen zu haben, und betraute das Amt für Sippenforschung der NSDAP mit weiteren Nachforschungen zur Abstammung der Familie Menger.40 Obwohl das Rektorat sogar bereit war, die Kosten der erforderlichen Archivrecherchen zu übernehmen, blieb die Anfrage jedoch ohne Erledigung.41 Es handelt sich in diesem Zusam- menhang um den einzigen dokumentierten Fall, in dem bei Denkmälern tatsächlich amtliche Er- hebungen zur möglichen jüdischen Abstammung der Geehrten eingeleitet wurden. Das Beispiel Menger belegt die Sorge des Rektors und mancher Professoren um die Traditionen der Universität, mit denen man in einer Zeit des Umbruchs nicht leichtfertig um- gehen wollte, weil sie einen wesentlichen Teil ih- res „symbolischen Kapitals“ bildeten.42 Ähn liche ebenso erfolglose Interventionen wie im Falle Menger gab es bei den Denkmälern für Julius Wiesner und Eduard Suess. Letzteres musste auf Druck der Studentenführung aus den Räumen des Geologischen Instituts entfernt werden.43 Schon zuvor war das Denkmal für den Che- miker und Pharmazeut Josef Herzig im alten Chemiegebäude abgetragen worden.44 thomas maisel126 36 UAW, Bericht der Universitäts-Gebäude-Inspektion vom 24. 11. 1938, Senat G.Z. 1250 aus 1937/38, ONr. 13. 37 UAW (zit. Anm. 36). 38 UAW, Wiederaufstellung der im Jahr 1938 aus den Arkaden entfernten Denkmäler, Senat G.Z. 454 aus 1944/45. 39 Vgl. dazu den Schriftverkehr in UAW, Senat G.Z. 184 aus 1938/39, ONr. 7. 40 UAW, Schreiben von Rektor Fritz Knoll an das Sippenamt der Gauleitung Wien der NSDAP vom 25. 11. 1938, Senat G.Z. 184 aus 1938/39, ONr. 8. 41 UAW, Senat G.Z. 184 aus 1938/39, ONr. 9 u. 12–13. 42 Müller, Dynamische Adaptierung (zit. Anm. 7), S. 599. 43 UAW, Dekanat der phil. Fakultät, D.Zl. 1278 aus 1937/38. 44 UAW (zit. Anm. 31). Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Titel
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Herausgeber
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Abmessungen
18.5 x 26.0 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
Kategorien
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