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ZEITGEMÄSS – DIE PROFESSORENPORTRÄTS IM
ARKADENHOF DER UNIVERSITÄT WIEN NACH 1945
Martin Engel
Das plastische Porträt wurde im 19. und
frühen 20. Jahrhundert vor allem in bür-
gerlichen Kreisen sehr geschätzt und sicherte
die Existenz zahlreicher Bildhauer. Mit den ge-
sellschaftlichen Umbrüchen infolge der beiden
Weltkriege änderten sich die Nachfrage und die
Wertschätzung dieser Form der Ehrung einzel-
ner Personen. Das gilt vor allem auch für das
Gelehrtenporträt. Der Usus, dem geschätzten
Lehrer und Kollegen anlässlich eines Jubiläums
eine Porträtbüste oder eine Porträtmedaille zu
stiften, kam völlig aus der Mode. Trotz der an-
haltenden Krise der Porträtplastik, die zumin-
dest in Österreich und Deutschland feststell-
bar ist, wurden im Arkadenhof der Universität
Wien seit 1945 rund 50 Professoren mit bild-
hauerischen Denkmälern geehrt. Vielfach wer-
den sie pauschal als unzeitgemäß abgetan und
nicht selten ebenso pauschal ob ihrer künstle-
rischen Qualität kritisiert. Vergessen wird dabei
oft, dass es sich zumeist um Werke bedeutender
österreichischer Bildhauer handelt.
Beginnen möchte ich meine Studie, die auch
ein grundlegender Beitrag zur Geschichte der ös-
terreichischen Porträtplastik im 20. Jahrhundert
sein soll, mit den Porträts von zwei österreichi-
schen Gelehrten, die nicht nur wissenschafts-
geschichtlich von größtem Interesse sind, son-
dern mit ihren Ideen auch den Lauf der Welt
beeinflusst haben. Anhand dieser beiden Bei-
spiele werde ich die grundsätzlichen Fragestel-
lungen zur modernen Porträtkunst entwickeln.
Geleitet wird meine Untersuchung von den drei klassischen Kriterien, an denen sich die
spannungsreichen Wechselwirkungen zwischen
den Wünschen der Auftraggeber einerseits und
den künstlerischen Zielen der Bildhauer an-
dererseits am besten aufzeigen lassen: von der
Wiedererkennbarkeit, der Angemessenheit und
vom künstlerischen Ausdruck.
Von den beiden ausgewählten Wissenschaft-
lern, Sigmund Freud (1856–1939) und Karl
Popper (1902–1994), gibt es berühmte und oft
reproduzierte Porträtfotos. Sie sind bestens geeig-
net, um sich ein Bild von den beiden Personen zu
machen (Abb. 1 und 2). Fotos dieser Art wurden
angefertigt, um als Frontispiz den Büchern der
berühmten Autoren beigefügt zu werden. Heu-
te findet man sie zuhauf im Internet, vorwiegend
zur Illustration von Wikipedia-Artikeln.
Generell lässt sich sagen, dass die Fotografie
hinsichtlich der Erinnerung an einzelne Perso-
nen allen anderen Medien den Rang abgelaufen
hat. Im Zeitalter der „Selfies“ verfügt jeder über
unzählige Aufnahmen, sowohl von sich selbst als
auch von seinen Freunden und Verwandten. Zu-
meist handelt es sich dabei um mehr oder weni-
ger gelungene Schnappschüsse, denn nur wenige
von uns gehen in ein Fotostudio, um ein profes-
sionelles Porträtfoto von sich machen zu lassen,
ein Porträtfoto mit künstlerischem Anspruch,
das perfekt ausgeleuchtet den Porträtierten bes-
tens in Szene setzt. Solche Porträtfotos gibt es vor
allem von denjenigen, die Wert auf ihr Image le-
gen müssen: Politiker, Unternehmer, Schauspie-
ler, Schriftsteller, Künstler etc. Das Porträt
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken