Seite - 140 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Bild der Seite - 140 -
Text der Seite - 140 -
Als letztes Beispiel dieser Gruppe zeige ich
das 1955 enthüllte Denkmal für Julius Schlosser
(1866–1938), nicht nur weil Julius Schlosser
Kunsthistoriker war, sondern weil die Büste von
Josef Thorak (1889–1952) stammt (Abb. 10). In
den Akten wird Thoraks Name nicht genannt,
sondern nur nebulös berichtet, dass die Witwe
eine Büste zur Verfügung stelle. Josef Thorak
war neben Arno Breker der Lieblingsbildhauer
von Adolf Hitler und stand sogar auf der Liste
der „gottbegnadeten Künstler“, deren Leben un-
bedingt zu schützen sei.
Die Frage nach der Angemessenheit be-
kommt hier eine ganz andere Wendung. Dabei
ist aber zu berücksichtigen, dass Schlosser als
Direktor der Skulpturenabteilung des heuti-
gen Kunsthistorischen Museums ein beson-
deres Interesse an der Porträtplastik hatte und
mit Thorak seit Langem freundschaftlich ver-
bunden war. Schlosser überzeugte Thorak, sein
Studium in Berlin fortzusetzen und machte ihn
bereits 1915 mit dem Berliner Museumsdirektor
Wilhelm v. Bode bekannt, der 1929 eine erste
Schrift über den damals 40-jährigen, erfolgrei-
chen Bildhauer veröffentlichte. Diese freund-
schaftliche Verbindung zwischen Schlosser und
Thorak war wohl auch die Grundlage dafür, dass
Thorak die Porträtbüste modellierte, die Schlos-
ser im Alter von etwa 55 Jahren zeigt. Wenn
diese Annahme stimmt, dann ist die Büste um
das Jahr 1921 entstanden, also in der Zeit, in der
Schlosser den Ruf an die Universität Wien an-
genommen hat. Möglicherweise ist sie aber erst
nach dem Tod von Schlosser im Jahr 1938 ent-
standen, denn eine Kopie dieser Büste schmückt
auch sein Ehrengrab auf dem Wiener Zentral-
friedhof. In einer Würdigung von Schlossers
wissenschaftlichen Leistungen bezeichnete Re-
nate Wagner-Rieger die Büste ohne weitere Be-
gründung als „ein Jugendwerk von Thorak“.17 Nach diesen Porträts, die allesamt einer eher
naturalistischen Kunstauffassung verpflichtet
sind, möchte ich nun die Aufmerksamkeit auf
die künstlerische Handschrift, das dritte Kri-
terium meiner Untersuchung, lenken. Sie er-
langt vor allem bei den Denkmälern mit post-
humen Porträts eine zunehmende Bedeutung.
An der bereits erwähnten Büste des letzten k. k.
Ministerpräsidenten Heinrich Lammasch lassen
sich einige Merkmale der neueren Porträtauffas-
sung zeigen (Abb. 7). Das Gesicht wird nicht
mehr in allen Details ausgeformt, was beson-
ders bei den Augen auffällt, auch die Oberfläche
wird nicht mehr der Haut entsprechend geglät-
tet, wodurch der additive Aufbau aus einzel-
nen Tonklumpen, also der Herstellungsprozess
selbst, zur Schau gestellt wird. Insgesamt gibt der
Bildhauer Josef Humplik (1888–1958), der in der
Zwischenkriegszeit einige Künstler, Schauspieler
und Musiker porträtiert hatte, dem Dargestell-
ten einen entrückten, eher heiteren Charakter.
Die Bedeutung des Amtes und das Gewicht der
Verantwortung, die Lammasch zu tragen hatte,
macht er nicht wirklich sichtbar.
In ähnlicher Weise gestaltet der an der
Wiener Akademie der bildenden Künste aus-
gebildete kroatische Bildhauer Ivan Mestrovic
(1883–1962) das Denkmal für den Slawisten Vat-
roslaw v. Jagic (1838–1923) (Abb. 11). In einem
Brief bedauert Mestrovic, dass er den ihm per-
sönlich bekannten Jagic nicht schon früher, also
zu dessen Lebzeiten, porträtiert hat, denn sein
erster Entwurf sei ihm nicht gerecht geworden.
Für den zweiten Entwurf stehe ihm nun ein wei-
teres Foto, das Jagic zwar in höherem Alter zeige,
auf dem aber die Gesichtszüge etwas genauer zu
sehen sind, zur Verfügung.18 Erkennbar ist, wie
Mestrovic die fotografische Vorlage zwar ziem-
lich genau umsetzt, sich aber gleichzeitig von
der realistischen Darstellung löst, indem er die
martin
engel140
17 R. Wagner-Rieger, Julius von Schlosser – zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages (23. September), in:
Neue Züricher Zeitung, 26. 9. 1966 , Nr. 4045 (108).
18 UAW Senat S 222.22.
Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
zurück zum
Buch Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa"
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken