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Details nicht mehr ausarbeitet, die Oberflächen
nicht glättet und stattdessen den Prozess des Mo-
dellierens sichtbar lässt.
Noch stärker ist die persönliche Handschrift
beim Denkmal für den Gynäkologen Semmel-
weis von Alfred Hrdlicka (1928–2009) ausgeprägt
(Abb. 12). Semmelweis und seine Bedeutung für
die moderne Geburtshilfe gehört in Österreich
und insbesondere in Wien zum allgemeinen Bil-
dungsgut. Sein 100. Todestag im Jahr 1967 war
der äußere Anlass für die Errichtung des Denk-
mals im Arkadenhof. Leider findet man in den
Akten keinen Hinweis darüber, wer den Bildhau-
er Alfred Hrdlicka vorgeschlagen hatte und wie
die Wahl auf ihn fiel. Die Tatsache, dass Hrdlic-
ka mit der Erstellung des Denkmals beauftragt
wurde, zeugt aber von Mut und künstlerischem
Gespür seitens der Auftraggeber. Hrdlicka war
damals 37 Jahre alt und hatte die ersten großen
Erfolge seiner Karriere. Im Jahr zuvor sorgte er
als Vertreter Österreichs bei der Biennale in Ve-
nedig für Aufsehen und etwa zur gleichen Zeit
entstand das Denkmal für Dr. Karl Renner an der Wiener Ringstraße, das heiße Diskussionen
auslöste. Und nicht zuletzt war Hrdlicka ein be-
kennender Kommunist. Man wusste also, wor-
auf man sich bei diesem Künstler einließ, und
wurde nicht enttäuscht. Hrdlicka lieferte ein Re-
lief, das den Porträtierten in schweren, ja bei-
nahe groben Formen zeigt. Ein kantiger Schä-
del, dessen kahler Scheitel mit dem mächtigen
Unterkiefer korrespondiert. Schnauzbart und
Mund bilden eine undifferenzierte Masse. Ein-
zig die kleinen, wachen Augen sind mit scharfen
Linien aus dem Stein gemeißelt und ziehen die
Aufmerksamkeit auf sich. Der Vergleich mit dem
offiziellen Foto von Semmelweis, das sicherlich
als Vorlage gedient hatte, zeigt, welche Gestal-
tungsfreiheit sich Hrdlicka erlaubte und was für
ein zeitgemäßes Denkmal – im Sinne von zeit-
genössischer Kunst – er geschaffen hat.
Trotz allem: Das 1967 enthüllte Denkmal
bildet quasi den Endpunkt des traditionellen
Denkmalwesens im Arkadenhof der Universi-
tät Wien. Im Zuge des gesellschaftlichen Wan-
dels, der sich nicht nur in den studentischen
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zeitgemäss
Abb. 11: Ivan Meštrović, Denkmal für Vatroslav v. Jagic im Arkadenhof der Universität Wien/Porträtfoto von Jagic.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken