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Hiesmayr „stärkste Bedenken gegen die Anbrin-
gung von Tafeln und Plaketten an den Pfeilern
des Arkadenhofes angemeldet“ hat. Die Erre-
gung darüber, dass die Kunstkommission viel zu
spät und in der Regel mit fertigen Kunstwerken
konfrontiert wird, war so groß, dass er auch „ei-
ne grundsätzliche Revision der bisherigen Pra-
xis und die Entwicklung eines neuen Konzeptes“
anregte.21 Trotz des Ärgers wurde das Denkmal
für den Linguisten Trubetzkoy, der in seinen
Wiener Jahren die Theorie der Phonologie ent-
wickelte und einer der wichtigen Vordenker des
Strukturalismus ist, dessen Schriften auch heu-
te noch relevant sind, genehmigt. Im Fall des
Denkmals für Erwin Schrödinger wurde in der
Kommission „die Problematik der Herstellung
posthumer Porträts behandelt“ und Ferdinand
Welz, „der auf Wunsch des Bundesministeriums
für Wissenschaft und Forschung […] bereits an
einem unverbindlichen Vorschlag arbeitet[e]“,
wurde gebeten, mit Prof. Hiesmayr und dem
Antragsteller Prof. Pietschmann die verschiede-
nen Möglichkeiten zu überdenken und zu ei-
ner einvernehmlichen Lösung zu kommen. Der
Entwurf solle dann in der nächsten Sitzung der
Kommission vorgestellt werden.
In der Sitzung vom 30. April 1974 stellte
Renate Wagner-Rieger dann das Konzept vor,
die Denkmäler neu zu gruppieren, um „einzel-
ne Joche vollkommen von Denkmälern zu räu-
men und für eine einheitliche Künstlerische Ge-
staltung nach zeitgemäßen Gesichtspunkten zu
reservieren.“ Aufgrund dieses Vorschlags wurde
allerdings der Bericht Hiesmayrs über das pro-
jektierte Denkmal für Erwin Schrödinger ver-
tagt, weil man erst die Ergebnisse dieser Initi-
ative abwarten wollte. Was aus den Plänen der
Kunstkommission geworden ist, ist bislang
nicht geklärt. Vermutlich wurde das Ganze mit
dem üblichen Kostenargument verworfen. Die
Stellungnahme zum beantragten Denkmal für
Schrödinger war damit aber erst mal blockiert. Weitere Verzögerungen führten schließlich dazu,
dass das Denkmal am 9. Juni 1976 nicht im Arka-
denhof, sondern, rechtzeitig zu den Feierlichkei-
ten anlässlich des 50. Jahrestages der Entdeckung
der Schrödinger-Gleichung, am Institut für the-
oretische Physik aufgestellt wurde. Der Akade-
mische Senat, der dieser Änderung zustimmen
musste, plädierte aber für die Übersiedlung der
Büste in den Arkadenhof, sobald dieser „umge-
staltet“ sei. Sechs Jahre später brachte das Insti-
tut für theoretische Physik die Schrödinger-Büs-
te wieder in Erinnerung und beantragte erneut
deren Aufstellung im Arkadenhof. Nach der Ge-
nehmigung durch den Akademischen Senat am
28. Oktober 1982 wurde die Frage des Aufstel-
lungsorts erneut aufgerollt und Alternativen vor-
geschlagen, sodass die feierliche Enthüllung erst
am 2. April 1984, also mehr als zwölf Jahre nach
der ersten Antragstellung, stattfinden konnte.
Rückblickend ist der Streit um dieses Denk-
mal nur mehr schwer nachvollziehbar. Vermut-
lich richtete sich der Widerstand auch weniger
gegen die Gestaltung der Büste als gegen die Art
und Weise, wie sie durchgesetzt werden sollte.
Hiesmayrs Kritik entzündete sich allerdings am
„Problem der Herstellung posthumer Porträts“.
Schauen wir also, wie es in diesem Fall um die
genannten Kriterien Wiedererkennbarkeit, An-
gemessenheit und künstlerischer Ausdruck steht.
Ferdinand Welz zeigt Erwin Schrödinger
durchaus realistisch und lebensnah als einen
Mann des 20. Jahrhunderts (Abb. 13). Bei genau-
erer Betrachtung und beim direkten Vergleich
mit einer Fotografie erkennt man die Idealisie-
rung, mit der Welz diese Büste gestaltet hat. Die
Brille fehlt, sodass die sehenden Augen voll zur
Wirkung kommen. Der harte Haaransatz betont
die eckige Stirn, während die Haare in breiten
Strähnen geordnet sind. Die Kleidung ist stark
vereinfacht: Das Sakko hat kein Revers. Die bei
einem offiziellen Porträt obligatorische Krawat-
te fehlt und das Hemd hat nicht einmal Knöp-
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zeitgemäss
21 UAW Senat S 222.51.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken