Seite - 214 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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beschattet, narkotisiert und erstickt, damit kei-
ne augenfällige Spur des gewaltsamen Aktes hin-
terlassen wurde.
Zusätzlich zu der Empörung gegenüber die-
sen Aktionen, die die Hauptstadt und andere
englische Städte geißelten, äußerte Goethe die
begründete Befürchtung, dass die teuerste Rech-
nung nicht die Verbrecher, sondern die Wissen-
schaftler bezahlen würden: Die Reaktion gegen
die Leichenräuber habe schrittweise zu einer ge-
ringeren Verfügbarkeit von legal aufgetriebenen
Kadavern geführt sowie zur anschließenden Ein-
schränkung der Sezierpraktiken. In diese Rich-
tung habe sich auch die öffentliche Meinung
entwickelt, die immer geneigter sei, die Todes-
strafe abzuschaffen: Man denkt an die Verbesse-
rung des Zustandes entlassener Verbrecher, man er- zieht verwilderte Kinder zum Guten, und schon
findet man es höchst unmenschlich, Fehler und Irrt-
hümer auf das Grausamste nach dem Tode zu be-
strafen. Landesverräther mögen geviertheilt werden,
aber gefallene Mädchen in tausend Stücke anato-
misch zu zersetzen, will sich nicht mehr ziemen.4
Es handelt sich dabei gewiss nicht – unnö-
tig, es zu sagen – um ein Plädoyer für die To-
desstrafe, sondern um die Sorge den wissen-
schaftlichen Fortschritt betreffend, der in den
Jahrhunderten viel Nutzen aus den anatomi-
schen Beobachtungen gezogen hat. Goethe spür-
te die Notwendigkeit, etwas zu tun, auch weil
das Sezieren von Leichen als Teil des Medizin-
studiums in Deutschland wie auch in England
einen sehr schlechten Ruf genoss. Von religiösen
und im Volksglauben verankerten Vorbehalten
pietro
conte214
4 Ebenda, S. 61–62.
Abb. 1: Jeremy Bentham, Auto-Icon, 1832. University College London.
Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken