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head was rendered as hard as the skulls of the New
Zealanders; but all expression was of course gone.8
Das Gesicht war also nicht mehr präsentabel,
aber eine Lösung war schnell gefunden: Wenn
der Kopf aus Fleisch und Blut mittlerweile un-
präsentabel war, blieb nichts anderes, als einen
anderen zu modellieren, ein Bild zu konstruie-
ren, das als Ersatz des Vorbildes gelten könnte.
Das Material? Eine obligatorische Wahl: Wachs
– der Stoff der Ähnlichkeit par excellence, das an-
thropomorphe Material schlechthin, das Medi-
um der Metamorphose und des Zwischenstadi-
ums.9 Ohne weiter zu zögern, wandte man sich
an Jacques Talrich, einen Chirurgen, der sich für
den Bau anatomischer Puppen begeisterte: einen
Arzt also, den Southwood Smith aber als distin-
guished French artist10 definierte, der sich von ei-
nigen Porträts Benthams derart inspirieren ließ,
dass er ein fast lebendiges Bild erschaffen konnte.
Nachdem sie ursprünglich von Southwood
Smith in seinem Studio aufbewahrt wurde, soll-
te die Auto-Ikone nach einigen Abenteuern am
University College ihre aktuelle Bleibe finden. In
einem Brief aus dem Jahr 1850 berichtete Lord
Henry Brougham die akademischen Autoritä-
ten über Southwood Smiths Anfrage, Benthams
Effigie im Inneren des Colleges aufzubewahren,
und der Ton lässt dabei keine Zweifel: [It is] the
most valuable wax figure I ever saw […]. The like-
ness is so perfect that it seems as if alive.11
Die Betonung liegt dabei noch einmal auf
der außergewöhnlichen mimetischen Treue, die
durch den Einsatz des Wachses möglich geworden
war, und von diesem Blickwinkel aus wäre nicht
einmal Bentham – der sich jedoch gewünscht hät- te, sich direkt, ohne jegliche Vermittlung in sein
eigenes Bild zu verwandeln12 – enttäuscht gewe-
sen: Die Grenzen des Hyperrealismus bis ins Ext-
reme rückend, verliert sich in der Tat jede Distanz
zwischen Kopie und Modell. Das Abbild ersetzt
das Modell und nimmt stellvertretend seinen
Platz ein, so wie beispielsweise die Tatsache zeigt,
dass die Vitrine, in der die Auto-Ikone ausgestellt
wurde, für eine gewisse Zeit beide Köpfe beher-
bergte, sowohl den Kopf aus Fleisch und Blut,
als auch sein wächsernes Abbild. Auf den Schul-
tern des Philosophen thronte allerdings dieser
letzte, während der „andere“ (der sich plötzlich
und paradoxerweise in das Doppelte des Doppel-
ten verwandelt hatte) auf der Erde zwischen den
Füßen seines Eigentümers ruhte: Manna für die
Studenten des Colleges, die in verschiedenen Ge-
legenheiten sich dabei vergnügten, den Kopf zu
rauben und um Lösegeld zu bitten oder ihn in ei-
nem Schließfach im Bahnhof von Aberdeen wie-
der auftauchen zu lassen, bis die Verwaltung ihn
in einem sicheren Archivraum und ab dem Jahr
2005 in einem Safe des Archäologischen Instituts
des Colleges aufbewahrte.
Nichts, was Bentham nicht bereits schon vor-
hergesehen hatte: Ridiculed it will be, of course,
schrieb er prophetisch in Auto-Icon, einem Pam-
phlet, das zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht
blieb, aber posthum in dreißig Kopien von seinem
Freund John Hill Burton gedruckt wurde. Der
Untertitel, Further Uses of the Dead to the Living,
verdeutlichte Benthams Obsession, auch als Toter
in gewisser Weise nützlich zu sein. Die Auto-Ikone
– dieses seltsame Denkmal, dieses in Lebensgröße,
von den üblichen Gelehrtenbüsten so verschiede-
pietro
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8 Th. S. Smith, Brief an W. Munk (14. 6. 1857), in: W. Munk, The Roll of the Royal College of Physicians of London,
3 Bde., London 1878, Bd. 3, S. 237 (Anm.).
9 S. darüber G. Didi-Huberman, Ähnlichkeit und Berührung. Archäologie, Anachronismus und Modernität des
Abdrucks, Köln 1999.
10 Smith, Brief an William Munk (zit. Anm. 8).
11 University College London, Minutes of the Proceedings of the Council, zit. nach C. F. A. Marmoy, The „Auto-
Icon“ of Jeremy Bentham at University College, London, S. 83.
12 S. darüber D. Bindman, The Skeleton in the Cupboard: Jeremy Bentham’s Auto-Icon, in: The Old Radical. Repre-
sentations of Jeremy Bentham (hrsg. von C. Fuller), London 1998, S. 9–21.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken