Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Chroniken
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Seite - 216 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 216 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

Bild der Seite - 216 -

Bild der Seite - 216 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

Text der Seite - 216 -

head was rendered as hard as the skulls of the New Zealanders; but all expression was of course gone.8 Das Gesicht war also nicht mehr präsentabel, aber eine Lösung war schnell gefunden: Wenn der Kopf aus Fleisch und Blut mittlerweile un- präsentabel war, blieb nichts anderes, als einen anderen zu modellieren, ein Bild zu konstruie- ren, das als Ersatz des Vorbildes gelten könnte. Das Material? Eine obligatorische Wahl: Wachs – der Stoff der Ähnlichkeit par excellence, das an- thropomorphe Material schlechthin, das Medi- um der Metamorphose und des Zwischenstadi- ums.9 Ohne weiter zu zögern, wandte man sich an Jacques Talrich, einen Chirurgen, der sich für den Bau anatomischer Puppen begeisterte: einen Arzt also, den Southwood Smith aber als distin- guished French artist10 definierte, der sich von ei- nigen Porträts Benthams derart inspirieren ließ, dass er ein fast lebendiges Bild erschaffen konnte. Nachdem sie ursprünglich von Southwood Smith in seinem Studio aufbewahrt wurde, soll- te die Auto-Ikone nach einigen Abenteuern am University College ihre aktuelle Bleibe finden. In einem Brief aus dem Jahr 1850 berichtete Lord Henry Brougham die akademischen Autoritä- ten über Southwood Smiths Anfrage, Benthams Effigie im Inneren des Colleges aufzubewahren, und der Ton lässt dabei keine Zweifel: [It is] the most valuable wax figure I ever saw […]. The like- ness is so perfect that it seems as if alive.11 Die Betonung liegt dabei noch einmal auf der außergewöhnlichen mimetischen Treue, die durch den Einsatz des Wachses möglich geworden war, und von diesem Blickwinkel aus wäre nicht einmal Bentham – der sich jedoch gewünscht hät- te, sich direkt, ohne jegliche Vermittlung in sein eigenes Bild zu verwandeln12 – enttäuscht gewe- sen: Die Grenzen des Hyperrealismus bis ins Ext- reme rückend, verliert sich in der Tat jede Distanz zwischen Kopie und Modell. Das Abbild ersetzt das Modell und nimmt stellvertretend seinen Platz ein, so wie beispielsweise die Tatsache zeigt, dass die Vitrine, in der die Auto-Ikone ausgestellt wurde, für eine gewisse Zeit beide Köpfe beher- bergte, sowohl den Kopf aus Fleisch und Blut, als auch sein wächsernes Abbild. Auf den Schul- tern des Philosophen thronte allerdings dieser letzte, während der „andere“ (der sich plötzlich und paradoxerweise in das Doppelte des Doppel- ten verwandelt hatte) auf der Erde zwischen den Füßen seines Eigentümers ruhte: Manna für die Studenten des Colleges, die in verschiedenen Ge- legenheiten sich dabei vergnügten, den Kopf zu rauben und um Lösegeld zu bitten oder ihn in ei- nem Schließfach im Bahnhof von Aberdeen wie- der auftauchen zu lassen, bis die Verwaltung ihn in einem sicheren Archivraum und ab dem Jahr 2005 in einem Safe des Archäologischen Instituts des Colleges aufbewahrte. Nichts, was Bentham nicht bereits schon vor- hergesehen hatte: Ridiculed it will be, of course, schrieb er prophetisch in Auto-Icon, einem Pam- phlet, das zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht blieb, aber posthum in dreißig Kopien von seinem Freund John Hill Burton gedruckt wurde. Der Untertitel, Further Uses of the Dead to the Living, verdeutlichte Benthams Obsession, auch als Toter in gewisser Weise nützlich zu sein. Die Auto-Ikone – dieses seltsame Denkmal, dieses in Lebensgröße, von den üblichen Gelehrtenbüsten so verschiede- pietro conte216 8 Th. S. Smith, Brief an W. Munk (14. 6. 1857), in: W. Munk, The Roll of the Royal College of Physicians of London, 3 Bde., London 1878, Bd. 3, S. 237 (Anm.). 9 S. darüber G. Didi-Huberman, Ähnlichkeit und Berührung. Archäologie, Anachronismus und Modernität des Abdrucks, Köln 1999. 10 Smith, Brief an William Munk (zit. Anm. 8). 11 University College London, Minutes of the Proceedings of the Council, zit. nach C. F. A. Marmoy, The „Auto- Icon“ of Jeremy Bentham at University College, London, S. 83. 12 S. darüber D. Bindman, The Skeleton in the Cupboard: Jeremy Bentham’s Auto-Icon, in: The Old Radical. Repre- sentations of Jeremy Bentham (hrsg. von C. Fuller), London 1998, S. 9–21. Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
zurück zum  Buch Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa"
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Titel
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Herausgeber
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Abmessungen
18.5 x 26.0 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
Kategorien
Geschichte Chroniken
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa