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chen kulturellen Konstante, welche die verschie-
denen Bereiche und Gebräuche der Keroplastik
durchdringt: Die imagines sind von einer eigen-
tümlichen agency gekennzeichnet, sie sind kon-
kret benutzbar, um die Abwesenden zu verge-
genwärtigen, so als ob diese „lebend und beseelt“
wären. Wenn man den Begriff „Bild“ als fiktive
Reproduktion auffasst, sollte man gewiss präzi-
sieren, – so paradox es auch klingen mag – dass
das imago kein Bild ist, da es sich nicht um die
einfache Darstellung eines Gesichts, sondern um
das Gesicht selbst handelt: Ergebnis eines Ab-
drucks und als solcher auf eine materielle Spur
zurückführbar, steht es mit dem Original in me-
tonymischer, nicht metaphorischer Beziehung
und bringt daher also „die reelle Präsenz des
Dinges“21 mit sich.
In diesem Kontext scheint die Auto-Ikone
nicht mehr nur eine bizarre Idee oder ein maka-
brer Spaß zu sein, sondern das Ergebnis von tau-
sendjährigen Versuchen der Vergegenwärtigung
– um Jean-Pierre Vernants Begriff der présentifi-
cation zu zitieren – von abwesenden Personen (z.
B. der Toten) oder Wesen (z. B. der Gottheiten).
In all diesen Versuchen hat das Wachs stets ei-
ne Protagonistenrolle eingenommen: Dank sei-
ner Geschmeidigkeit (welche es ihm ermöglicht,
jedwede Form anzunehmen) und Farbe (jener
der Haut sehr ähnlich) ist Wachs seit jeher der
Stoff, der die größte Nähe zum Modell ermög-
licht; aus diesem Grund ist es so oft verwendet
worden, um Bildnisse von Gelehrten oder pro-
minenten Persönlichkeiten (Herrschern usw.22)
herzustellen.
Bevor Bildnisse an eine Person erinnern, ha-
ben sie die Funktion, sie zu repräsentieren, sie zu vergegenwärtigen. Dabei ist die Ähnlichkeit
zwischen dem Porträtierten und seinem Bildnis,
sowohl in äußeren physiognomischen Merkma-
len als auch in der Erfassung der Persönlichkeit,
entscheidend. Diesbezüglich kommen weite-
re sitzende Ganzkörperporträts in den Sinn, de-
ren unglaubliche Ähnlichkeit von vielen kurio-
sen Anekdoten unterstrichen wird: Als er die auf
einem Thron sitzende Effigie von Ferdinand III.
von Habsburg (1608–1657) beschreibt, stellt Jo-
achim von Sandrart fest, dass sie dem Herrscher
in Fleisch und Blut so ähnlich ist, daß einest der
Ungarische Canzler und Bischof von Neutra, als er
in der Käyserlichen Schatzkammer herum gefüh-
ret worden und in das Zimmer kommen, wo diese
Käyserliche posirte Bildnis geseßen / die sich bey sei-
ner Ankunft aufgerichtet / das Haupt und die Au-
gen hin und her gewendet / sich über solche unver-
hofte Käyserliche Gegenwart entsetzet / auf die Knie
nidergefallen und um Verzeihung gebetten/ daß er
sich erkühnet ohne Befehl dahin zu kommen / auch
so lang kniend verblieben/ biß der Schatzmeister
ihne aufgehoben / gelachet / und den Betrug of-
fen und kundbar gemacht.23 Das Wachs ist in der
Lage, dem dargestellten Subjekt einen erstaun-
lichen Grad der „Gegenwart“ – so wie es be-
zeichnenderweise der deutsche Text wiedergibt
– zuzuerkennen, eine Präsenz, die auch zu weit-
aus dramatischeren Resultaten führen kann als
dem der tragikomischen Anekdote von Sandrart:
In seinem Altes und neues Berlin behauptet Georg
Küster, dass ein gewisser General, der sich vor
der Effigie Friedrichs I. von Preußen (1657–1713)
befand, diesem Bilde, da es in des Königs Zimmer
auf einen Stuhl gesetzt worden, seine Reverenz ge-
macht [habe], weil er geglaubt, es sey der König. Da
Der Körper als MonuMent 219
21 F. Dupont, L’autre corps de l’empereur-dieu, in: Ch. Malamoud/J.-P. Vernant (Hg.), Corps des dieux, Paris 1986,
S. 231–252, hier 331 (Übersetzung des Autors).
22 Siehe u.a. M. Kretzschmar, Herrscherbilder aus Wachs. Lebensgroße Porträts politischer Machthaber in der Frü-
hen Neuzeit, Berlin 2014.
23 J. von Sandrart, Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste (1675), hrsg. von A. R. Peltzer, München 1925,
S. 235, später zitiert von W. Brückner, Bildnis und Brauch. Studien zur Bildfunktion der Effigies, Berlin 1966,
S. 158 und von D. Freedberg, The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response, Chicago/Lon-
don 1989, S. 222–224.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken