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ihm nun nicht geantwortet worden, hat er es für ei-
ne Ungnade gehalten, ist darüber erschrocken und
nach einigen Tagen gestorben.24
So unwahrscheinlich diese Geschichten er-
scheinen mögen, sollten sie allerdings doch auf-
grund ihres typischen Erzählcharakters ernst ge-
nommen werden: Schon Ernst Kris und Otto
Kurz, beides Schüler Schlossers, unterstrichen,
dass das Problem der Wahrhaftigkeit einzelner
Behauptungen bzw. Anekdoten vollkommen ir-
relevant ist. Das, was zählt, ist nur ihre Wieder-
kehr.25 Und wiederkehrend sind diese Anekdo-
ten ganz gewiss. 1931 veröffentlicht der russische
Erzähler Jurij Nikolaevič Tynjanow einen seiner
bedeutendsten Texte, Die Wachsfigur, einen his-
torischen Roman, der in Sankt Petersburg zur
Zeit des Untergangs der langen Reformzeitpe-
riode von Peter dem Großen spielte. Mit dem
Tod des Herrschers, 1725, erlegt sich der Künst-
ler Francesco Bartolomeo Rastrelli die Aufga-
be auf, eine Effigie in Wachs und Eichenholz
zu realisieren. Nachdem er ein Loblied auf die
Wachsplastik gesungen hatte (Es gibt eine Kunst,
die schön und wahr ist, in der das Kunstwerk nicht
vom Modell zu unterscheiden ist 26), macht sich
der Bildhauer an die Arbeit und realisiert eine
dem Original außergewöhnlich treue Skulptur,
die anschließend in Begleitung von drei Hun-
den und einem Papagei auf einem eleganten Ses-
sel unter einem Baldachin in einem Zimmer der
lokalen Kunstkammer positioniert wird. Das Er-
gebnis ist erstaunlich: Wie sollte man dem Abbild begegnen? Vieles konnte nicht vor ihm ausgespro-
chen werden; denn alles an der Wachsperson war
ähnlich, sie war das Ebenbild.27 Wiederum fällt
die Betonung auf die unheimliche Präsenz der
Wachsfigur, die nicht wie ein Porträt, nicht wie
ein Denkmal, sondern wie eine Person wahrge-
nommen wird. Es handelt sich dabei tatsächlich
um ein Wahrnehmungsproblem, zumal die Ef-
figie von Peter dem Großen – die nach wie vor
in der Hermitage aufbewahrt wird – in dem Ro-
man von Tynjanow mit verborgene[n] Federn28
ausgestattet ist, die ihr erlauben, sich zu erhe-
ben, wenn jemand bewusst oder unbewusst auf
den Mechanismus an einem bestimmten Punkt
auf dem Boden tritt.
Mit der Auto-Ikone bekommt aber die Ähn-
lichkeit ganz und gar Identität. Das Bild reprä-
sentiert nicht, sondern präsentiert. Es ist bei-
spielsweise eine verbreitete Überzeugung, dass
die Auto-Ikone an allen Ratssitzungen des Uni-
versity Colleges teilgenommen habe und Ben-
tham als present but not voting deklariert wurde.
Hierbei handelt es sich normalerweise um ur-
bane Legenden, die einfach als solche erkenn-
bar sind, auch wenn mitunter Zweifel zurück-
bleiben: Manche Gelehrte behaupten, dass die
Auto-Ikone tatsächlich bei einem offiziellen Tref-
fen des Bentham Club im Jahr 1953, bei der Ein-
weihung der International Bentham Society und
bei der Feier für den 250. Jahrestag der Geburt
des Gelehrten anwesend gewesen sein soll. Ob
es sich dabei um wirklich vorgekommene Er-
pietro
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24 G. G. Küster, Altes und neues Berlin, 4 Bde., Berlin 1737–1769, Bd. 3, S. 541. Schon D. Fassman, Leben und Tha-
ten des Allerdurchlauchtigsten und Großmächtigsten Königs von Preußen Friederici Wilhelmi, 2 Bde., Hamburg/
Breßlau 1735–1741, Bd. 1, S. 850) hatte die beeindruckende Lebensähnlichkeit des Porträts hervorgehoben, das der-
massen natürlich gemachet und getroffen [ist], daß man gleichsam mit einem kleinen Schrecken befallen, und mit Respect
gegen das Bild erfüllet wird, so offt man dasselbe ins Gesichte bekommet. Siehe darüber F. Otten, Neue Quellen zur
Datierung einer Wachsfigur Friedrichs. I, in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, XLII, 1988,
S. 77–81; H. Bredekamp, Vom Wachskörper zur Goldkrone. Die Versprechung der Effigies, in: Preußen 1701. Eine
europäische Geschichte, 2 Bde., Berlin 2001, Bd. 2, S. 353–357.
25 Siehe E. Kris/O. Kurz, Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch, Wien 1934.
26 J. Tynjanow, Die Wachsperson (1930), deutsche Übersetzung in: Aufzeichnungen auf Manschetten. Sonderbare
Geschichten von Bulgakow bis Schukschin, Leipzig 1987, S. 257–352.
27 Ebenda, S. 325.
28 Ebenda, S. 325.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken