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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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Im Allgemeinen ist beiden, dem Grabmal wie dem Frontispiz, des Verfassers Bildnis oft als vollplastische Büste, manchmal als Relief einge- stellt. Gegenüber den dreidimensional existie- renden überwiegen die graphisch erfundenen Büsten nach Zahl, seltenst mag die eine der an- deren als (Reproduktions-)Vorlage gedient ha- ben. Zumeist kompensiert das dem trans- portablen Buch eingebundene, das hierdurch mobile Denkmal ein dem Autor in ortsgebun- dener Haptik eben nicht vergönntes. Im Falle seiner Frontispiz-Präsenz im gedruckt zu lesen- den Buche amalgamiert er immerhin untrennbar mit dem eigenen Lebenswerk; er testiert mit Ver- fassernamen und verbürgt sich qua bildlichem Identitätsnachweis für seine autonome Autoren- schaft. Der nicht zuletzt auch autoritäre Charak- ter dergestalter Anwesenheit ist offenkundig und hat seine Vorbilder wie Begleiterscheinungen in der Edition antiker und schon qua Altehrwür- digkeit ihrer Schriften quasi sanktionierter Au- toren; wo deren Bildnis nicht etwa durch halb- wegs gesicherte antike Zeugnisse in Büste, Kopf oder Gemme überliefert war, wurde es bedarfs- weise erfunden und in der Buchgraphik als eben ein solches Bild mehr pro- als reproduziert. So kombiniert eine Pariser Cicero-Ausgabe des Jah- res 1544 den Titel mit einem „Porträt“ des Au- tors im Clipeus.9 Jene Zeit wußte noch keine an- tike Physiognomieüberlieferung sicher mit dem Schriftsteller zu verbinden – mithin wurde sie in freier Anlehnung an mehr oder minder beliebig gewählte, antike Bildnisköpfe frei erfunden und in Kombination mit dem Buchtitel die aukto- riale Realitätsgewißheit von dessen historischer Existenz unterstrichen.10 Verband der Vitruv-Übersetzer Jean Martin († 1553) den Buchtitel mit einem frei durch den Bildhauer Jean Goujon (um 1510 – um 1566) er- fundenen Bildnis des antiken Architekturtheo- retikers und -praktikers, welches jenen mittels Kostüm und Barttracht als französischen Zeitge- nossen des 16. Jahrhunderts in Paris einbürgert, dann mit kulturpolitischer Absicht: Die Autori- tät dieser Lehre wird legitimistisch unmittelbar aus der Antike, also ohne italienische Umwege, in eine Gegenwart adaptiert, die gerade die letz- ten Gotizismen ihrer Architekturtradition ab- streift und eine nationale, originär französische Renaissance formuliert.11 Nicht von ungefähr ist diese Ausgabe durch Martin seinem König, Henri II. (1519–1559), zugeeignet. Wie bedeut- sam solch genealogische Herleitungen zur Be- hauptung zeitgenössisch aktueller Kompetenz waren, mögen zwei ebenso jeweils sich auf Vi- truv berufende Beispiele andeuten. Im ersten Falle betrifft es Giacomo Barozzi, gen. Vigno- la (1507–1573), der einem handwerklichen Mili- eu ohne humanistisch tiefreichende Bildung ent- stammte und als erfahrener Praktiker erstmals frühestens 1562 mit seinen Regola delli cinque or- dini d’architettura den Baumeistern dreier fol- gender Jahrhunderte ein solides Rüstzeug ohne theoretischen Unter- oder Überbau an die Hand gab; kein anderes Architekturwerk erfuhr so vie- le Auflagen und Bearbeitungen. Britischer Prag- matismus mag nun 1703 dazu geführt haben, die durch Claude Perrault (1613–1688) 1674 kompri- mierte Vitruv-Bearbeitung mit einem gleichfalls kondensierten Vignola zu verbinden – und bei- der Büsten konsequenterweise auch den Sockel teilen sowie, ungeachtet der Zeitkluft ihrer Da- seinsfristen, sie auf diesem Diskussionspodium bernd ernsting240 9 Les epistres familiaires de Marc Tulle Cicero, […], nouvellement traduites de Latin en François par Estienne Dolet […], Paris 1544, Titel. 10 Solches steigernd, Cicero mit signifikanter (cicer ~ Kichererbse) Wangenwarze, antikisch gewandet, anachronistisch jedoch im Gelehrtenstubeninterieur des 16. Jh. schreibend: M. Tullii Ciceronis epistolae familiares selectae […], Venedig 1547, Abb. S. 329, Holzschnitt von unbekanntem Künstler. 11 Architecture ou art de bien bastir, de Marc Vitruve Pollion autheur Romain antique. Mis de Latin en Francoys, par Ian Martin […]. Pour le Roy treschrestien Henry II, Paris 1547, Titelblatt von unbekanntem Künstler. Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Titel
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Herausgeber
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Datum
2018
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Abmessungen
18.5 x 26.0 cm
Seiten
428
Schlagwörter
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
Kategorien
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