Seite - 240 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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Im Allgemeinen ist beiden, dem Grabmal
wie dem Frontispiz, des Verfassers Bildnis oft als
vollplastische Büste, manchmal als Relief einge-
stellt. Gegenüber den dreidimensional existie-
renden überwiegen die graphisch erfundenen
Büsten nach Zahl, seltenst mag die eine der an-
deren als (Reproduktions-)Vorlage gedient ha-
ben. Zumeist kompensiert das dem trans-
portablen Buch eingebundene, das hierdurch
mobile Denkmal ein dem Autor in ortsgebun-
dener Haptik eben nicht vergönntes. Im Falle
seiner Frontispiz-Präsenz im gedruckt zu lesen-
den Buche amalgamiert er immerhin untrennbar
mit dem eigenen Lebenswerk; er testiert mit Ver-
fassernamen und verbürgt sich qua bildlichem
Identitätsnachweis für seine autonome Autoren-
schaft. Der nicht zuletzt auch autoritäre Charak-
ter dergestalter Anwesenheit ist offenkundig und
hat seine Vorbilder wie Begleiterscheinungen in
der Edition antiker und schon qua Altehrwür-
digkeit ihrer Schriften quasi sanktionierter Au-
toren; wo deren Bildnis nicht etwa durch halb-
wegs gesicherte antike Zeugnisse in Büste, Kopf
oder Gemme überliefert war, wurde es bedarfs-
weise erfunden und in der Buchgraphik als eben
ein solches Bild mehr pro- als reproduziert. So
kombiniert eine Pariser Cicero-Ausgabe des Jah-
res 1544 den Titel mit einem „Porträt“ des Au-
tors im Clipeus.9 Jene Zeit wußte noch keine an-
tike Physiognomieüberlieferung sicher mit dem
Schriftsteller zu verbinden – mithin wurde sie in
freier Anlehnung an mehr oder minder beliebig
gewählte, antike Bildnisköpfe frei erfunden und
in Kombination mit dem Buchtitel die aukto-
riale Realitätsgewißheit von dessen historischer
Existenz unterstrichen.10 Verband der Vitruv-Übersetzer Jean Martin
(† 1553) den Buchtitel mit einem frei durch den
Bildhauer Jean Goujon (um 1510 – um 1566) er-
fundenen Bildnis des antiken Architekturtheo-
retikers und -praktikers, welches jenen mittels
Kostüm und Barttracht als französischen Zeitge-
nossen des 16. Jahrhunderts in Paris einbürgert,
dann mit kulturpolitischer Absicht: Die Autori-
tät dieser Lehre wird legitimistisch unmittelbar
aus der Antike, also ohne italienische Umwege,
in eine Gegenwart adaptiert, die gerade die letz-
ten Gotizismen ihrer Architekturtradition ab-
streift und eine nationale, originär französische
Renaissance formuliert.11 Nicht von ungefähr
ist diese Ausgabe durch Martin seinem König,
Henri II. (1519–1559), zugeeignet. Wie bedeut-
sam solch genealogische Herleitungen zur Be-
hauptung zeitgenössisch aktueller Kompetenz
waren, mögen zwei ebenso jeweils sich auf Vi-
truv berufende Beispiele andeuten. Im ersten
Falle betrifft es Giacomo Barozzi, gen. Vigno-
la (1507–1573), der einem handwerklichen Mili-
eu ohne humanistisch tiefreichende Bildung ent-
stammte und als erfahrener Praktiker erstmals
frühestens 1562 mit seinen Regola delli cinque or-
dini d’architettura den Baumeistern dreier fol-
gender Jahrhunderte ein solides Rüstzeug ohne
theoretischen Unter- oder Überbau an die Hand
gab; kein anderes Architekturwerk erfuhr so vie-
le Auflagen und Bearbeitungen. Britischer Prag-
matismus mag nun 1703 dazu geführt haben, die
durch Claude Perrault (1613–1688) 1674 kompri-
mierte Vitruv-Bearbeitung mit einem gleichfalls
kondensierten Vignola zu verbinden – und bei-
der Büsten konsequenterweise auch den Sockel
teilen sowie, ungeachtet der Zeitkluft ihrer Da-
seinsfristen, sie auf diesem Diskussionspodium
bernd
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9 Les epistres familiaires de Marc Tulle Cicero, […], nouvellement traduites de Latin en François par Estienne Dolet
[…], Paris 1544, Titel.
10 Solches steigernd, Cicero mit signifikanter (cicer ~ Kichererbse) Wangenwarze, antikisch gewandet, anachronistisch
jedoch im Gelehrtenstubeninterieur des 16. Jh. schreibend: M. Tullii Ciceronis epistolae familiares selectae […],
Venedig 1547, Abb. S. 329, Holzschnitt von unbekanntem Künstler.
11 Architecture ou art de bien bastir, de Marc Vitruve Pollion autheur Romain antique. Mis de Latin en Francoys, par
Ian Martin […]. Pour le Roy treschrestien Henry II, Paris 1547, Titelblatt von unbekanntem Künstler.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken