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ten sein noch nicht so „authentisches“ Einzel-
bildnis von 1605.22
Die Verschmelzung von Persönlichkeit und
literarischem Verdienst erreichte schließlich 1637
in dritter Stufe der Glorifizierung mit den Opera
omnia ihren memorialen Höhepunkt, wobei er-
neut Rubens die Zeichnung zu jenem alleinigen
Blatt lieferte, in dem Frontispiz und Titeldruck
jetzt eins wurden.23 (Abb. 10) Den offenen Tri-
umphbogen – es existieren Abzüge des Stiches
ohne den bibliographischen Schrifteindruck –
schmückt oben der aus Blättern gewundene Eh-
renkranz; in der Reduzierung des Porträtaus-
schnitts von der vormals gezeigten Halbfigur auf
nunmehr den Kopf mit Büstenanschnitt ist der
Rückzug des Dargestellten in jene mittlerweile
rein geistige, erd- und leibentrückte Sphäre evi-
dent, in der er jedenfalls weiterhin seiner Devise
der „moribus antiquis“ treu bleibt. Die nunmehr
identischen Größenverhältnisse seines „gemal-
ten“ und der plastischen Bildnisse Senecas sowie
diesmal Publius Cornelius Tacitus’ bezeugen sei-
ne Ankunft in diesem Olymp der großen Geis-
ter, wo er gemäß triangulärer Komposition solch
akademischer Dreifaltigkeit auch gleich präsi-
diert. Seitlich einer im Sockel säugenden römi-
schen Wölfin assistieren Athena/Minerva ebenso
wie Hermes/Merkur und die weibliche Personi-
fikation einer janusköpfigen (dialektischen?)
Klugheit; über allem strahlt oben, dem Haupte
Lipsius’ entwachsend, die zweiflammige Leuchte der Wissenschaft, flankiert von Philosophie und
Politik als den beiden literarischen Hauptgegen-
ständen des Verblichenen.24
Mancherlei Indizien sprechen dafür, daß die
Präsenz ihres Bildnisses im eigenen Buchwerk,
und zwar schon zu ihren Lebzeiten, besonders
für solche Autoren bedeutsam wurde, die entwe-
der selbst nicht dem humanistisch vollumfassend
gebildeten Stande entstammen oder bzw. und zu-
gleich sich nicht abstrakter Wissenschaft zuwen-
den, sondern im einen oder anderen Sinne dem
praktisch anwendbaren Wissen verpflichtet sind.
Unter ihnen ist die Zahl der Architekten und –
bezeichne man sie hilfsweise so – der „anwen-
denden“ Antiquare und Historiographen ihres
Berufsstandes auffallend hoch. Exemplarisch un-
ter den erstgenannten seien der schon als Dialog-
partner Vitruvs identifizierte Vignola sowie Palla-
dio betrachtet. Über Barozzis Regola delli cinque
ordini d’architettura herrscht zwar hinsichtlich
der Ersterscheinung 1562 oder 1563 bibliogra-
phisch Uneinigkeit, doch erfolgte sie jedenfalls zu
des Autors Lebzeiten und zeigt ihn auf dem Titel-
blatt in Halbfigur ad vivum, wobei die Nähe zu
einigen der eingangs zitierten Paduaner Gelehr-
tenepitaphien unübersehbar ist.25 (Abb. 11 und 2)
Schon zu Lebzeiten erhob sich der Dargestellte
selbst, aus eigener Veranlassung, zur Ehre des Al-
tares, den er hier einem Sanktuarium einstellte.
Dem praktischen Baumeister, der sich aus seinem
Metier heraus auf die Brüstung seines (Atelier-)
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22 Auf dem Blatt nach dem Titel und vor dem Moretus-Vorwort findet sich der ganzseitige Kupfer Galles (wie Anm.
21) nach dem Rubens-Gemälde „Der sterbende Seneca“ von 1612 oder 1613 (München, Bayerische Staatsgemäldes-
ammlungen, Alte Pinakothek, Inv.-Nr. 305), wenig später eingefügt ein Stich auf Grundlage von Rubens’ Zeich-
nung nach dem antiken Kopf des Pseudo-Seneca, der als Bildwerk in verschiedenen Variationen überliefert ist, und
von dem der Maler 1608 eine römische Marmorversion des 1. Jh. n. Chr. aus Italien nach Antwerpen mitgebracht
hatte; diese hatte er schon in seinem Gemälde der „Vier Philosophen“ (wie Anm. 16) einer Wandnische eingestellt.
Herremans 2008 (wie Anm. 20), S. 94, Kat.-Nr. 35 (Eintrag von B. van Beneden), Abb. S. 95.
23 Iusti Lipsi V. C. [= Vir Clarissimus] opera omnia, postremum ab ipso aucta et recensita, nunc primum copioso
rerum indice illustrata, Antwerpen 1637, Titel, gestochen von Cornelis Galle d. Ä. nach Zeichnung von Peter Paul
Rubens.
24 Zwischen die Seiten V und VII des Vortextes wurde ein weiteres, von Theodor Galle gezeichnetes und gestochenes
Ehrenblatt mit Lipsius’ Porträt integriert, diesmal wieder im Büstenausschnitt und mehr ad vivum, seine Persönlich-
keit basierend auf der Modestia und lebenslang begleitet von Virtus und Doctrina, und hierfür geehrt durch Gloria
und gepriesen durch Fama.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken