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or the London Art of Building seit seiner Londo-
ner Erstausgabe von 1734 allein bis 1767 sieben
Auflagen – denen allesamt so sehr Palladios Bild-
nis wie der inhaltlich eingehende Bezug auf je-
nen fehlt.
Aufgeweckt durch die englischen Bemühun-
gen um Palladios Andenken begannen auch ita-
lienische Antiquare sich mit ihrem Landsmann
zu befassen, wobei sie ihre eigene Akribie in der
Quellenforschung betonten und damit implizit
den Briten einen Mangel an solcher unterstellten.
Was zunächst dazu führte, die von der Insel über-
mittelten Bildvorstellungen zum angeblich wahr-
haftigen Aussehen Palladios – tatsächlich wohl
aus gutem Grunde – zurückzuweisen und nach
Alternativen zu forschen. Wie bestellt, tauchte
nun plötzlich ein heute in der Villa Valmerana
nahe Vicenza bewahrtes Gemälde minderer Gü-
te auf, wohl eine Kopie durch Francesco Boldrini
(1762–1825), der das nicht überkommene Origi-
nal (existierte ein solches überhaupt je) mit Pal-
ladios Namen in Verbindung brachte und es des-
sen befreundetem Zeitgenossen Giovanni Battista
Maganza (1513–1586) zuwies: als glatzköpfiger und
kurzbärtiger Alter so gar nicht der insularen Vor-
spiegelung eines dynamisch-jugendlichen Künst-
lers entsprechend, aber vielleicht schon hierdurch
als „seriöser“ und innerhalb der Bildnisreihe an-
derer Architekten seiner Zeit als adäquater emp-
funden; und selbstverständlich durfte der Vigno-
la-Zirkel auch hier nicht fehlen. In nahezu allen italienischen Palladio-Ausgaben des 18. Jahrhun-
derts bis hin zur 1762 durch Tommaso Temanza
(1705–1789) unter Beigabe zweier bislang unveröf-
fentlichter Schriften vorgelegten Architektenbio-
graphie figuriert nun geradezu kanonisch dieses
Porträt. Und zwar nur noch zweimal als seitenver-
kehrter Nachstich des Gemäldes,36 ansonsten re-
gelmäßig als ein daraus extrahiertes und seitdem
nicht minder observant repetiertes Büstenbild.37
Denn nach der plastischen und literarisch-bild-
lichen Denkmalsetzung jenseits des Ärmelkanals
mußte selbstverständlich auch im Heimatland ein
solches her, und sei es einstweilen nur auf dem il-
lusionierenden Wege der Graphik – ein öffentli-
ches, haptisches Denkmal sollte Palladio erst 1859
gewidmet werden.38 Um die historische Würdi-
gung machte sich bis dahin vor allem Ottavio
Bertotti Scamozzi (1719–1790) verdient, der die-
se nicht minder denn die britische Palladio-Versi-
on fragwürdige Büste wiederholt an den Buchbe-
ginn stellte. Im ersten Band seines kompendiösen
Werküberblicks wird sie frei auf einen zweistufi-
gen, ehrenhalber mit Festons behängten Sockel,
dem das Clipeusbildnis einer lorbeergeschmück-
ten Athena eingelassen ist, und vor einer man-
dorlaartigen Dunkelnische des ansonsten leeren
Fonds effektvoll ins Licht gesetzt.39 Wenige Jahre
später auch in seiner Neubearbeitung der erstmals
durch Burlington unternommenen Publikation
hinterlassener Palladio-Zeichnungen zu den rö-
misch-antiken Thermen.40 (Abb. 16 und 14) Und
bernd
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36 Del teatro olimpico di Andrea Palladio in Vicenza. Discorso del Signor Giovanni Montenari Vicentino, Padua 1733,
Frontispiz (Kupferstich) von Francesco Zucchi (1692–1764) nach Zeichnung von G. B. Marioli (nicht identifiziert).
Dasselbe, allerdings mit Änderung des Grundrisses im aufgerollten Plan und ohne Zeichner- und Stecherangabe,
durch Enea Arnaldi Accademico Olimpico, Vicenza 1769, Frontispiz (Kupferstich).
37 Vita di Andrea Palladio Vicentino egregio architetto scritta da Tommaso Temanza architetto […] aggiuntevi in fi-
ne due scritture dello stesso Palladio finora inedite, Venedig 1762, Vortitel (Kupferstich) von nicht identifiziertem
Künstler.
38 Skulptur von Vincenzo Gajassi (um 1811–1861) in Vicenza neben der Basilica Palladiana.
39 Le fabbriche e i disegni di Andrea Palladio, raccolti ed illustrati da Ottavio Bertotti Scamozzi […], Bd. 1 (von 4, bis
1783 erschienenen; Titel auch in frz.), Vicenza 1776, Frontispiz (Kupferstich) von Ravenet (nicht sicher identifiziert)
nach Zeichnung des Architekten Davide Rossi (1744–1820), der 1793 (laut Privileg, S. VIII) einen allerdings auch
auf 1776, somit rückdatierenden Nachdruck veranstaltete, dessen identisches Frontispiz er zu dieser Gelegenheit neu
durch Pietro Bonato (zwischen 1765 und 1775–1820 oder 1827) stechen ließ.
40 Le terme dei Romani disegnate da Andrea Palladio e ripubblicate con la giunta di alcune osservazioni da Ottavio
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken