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und des Psychoanalytikers Horst-Eberhard Rich-
ter (1923–2011), letzterer auch Ehrenbürger der
Stadt.32 In der Fußgängerzone wurde eine Drei-
ergruppe von Frauenbüsten errichtet, die Marga-
rete Bieber, Agnes von Zahn-Harnack und Hed-
wig Burgheim vorstellen.
Alle „Gießener Köpfe“ entstanden posthum,
nach fotografischen oder gezeichneten Vorla-
gen, und alle sind naturalistisch, häufig mit ei-
nem Zug ins Expressive gehalten. Wer für das
öffentliche Gedenken im Medium einer Bronze- büste auf Basaltstele auserwählt wird, folgte bis-
lang wechselnden Interessenlagen und Finanzie-
rungsmöglichkeiten. Zurzeit (Winter 2014/15)
debattiert der Magistrat, ob und wie das Pro-
gramm fortgeführt werden soll. Dabei geht es
sowohl um konzeptuelle und finanzielle Aspekte
als auch um Fragen der Beteiligung und der Äs-
thetik. Wie viele „Gießener Köpfe“ soll es geben?
Wie viel Freiraum braucht eine Stadt mit und –
vor allem – trotz Kunst und Gedenkmonumen-
ten im öffentlichen Raum?
eine art fazit
Die Fallstudie zum Gelehrtengedenken in der
Universitätsstadt Gießen erlaubt ein paar the-
senhaft formulierte Schlussbemerkungen.
1. Bei den Ursachen, Motiven und Effekten
der Gelehrtenmemoria ist zu unterscheiden zwi-
schen einer korporativen, individuell-leistungs-
orientierten oder aber sozial-integrativen Quali-
tät, die wiederum abhängig von der Epoche, den
gesellschaftlichen Instanzen und Räumen unter-
schiedlich ausgeprägt ist. Initiiert durch einen
Erlass des Landesherrn stellten sich die Profes-
soren der frühneuzeitlichen Ludwigs-Universität
standesbewusst und das Kollektiv betonend im
Medium der seriell angelegten Porträtgalerie dar,
wie es in der Zeit auch an einigen anderen pro-
testantischen Universitäten zu beobachten ist. Es
ging hier in symbolischer und medialer Hinsicht
vor allem um die Zurschaustellung des noch jun-
gen Standes der Gelehrten bzw. des neuen Geis-
tesadels als eine beträchtliche und stetig wach-
sende Korporation, deren Bedeutungsanspruch
nicht unwesentlich in der Akkumulation von
Tradition durch Amtsfolge gründete. Die Pro-
fessorengalerie wurde in Gießen im ausgehen-
den 18. Jahrhundert nicht mehr weitergeführt,
der Bestand aber konserviert und das Konzept
nach dem Zweiten Weltkrieg abgewandelt wie-
der aufgegriffen – in Form einer Rektoren- bzw.
Präsidentengalerie, die es in Ansätzen schon auf
dem Alten Friedhof mit den Superintendenten- Epitaphien des 17. Jahrhunderts gab. Die Zahl
der Universitätsprofessoren war im 19. und erst
recht im 20. Jahrhundert zu groß, ihre Organisa-
tion zu komplex geworden. Nur ihr oberster Ver-
treter ist bildwürdig – zunächst noch im Amt-
stalar, bald schon im ubiquitären Anzug – für
die Aufnahme in die repräsentative Porträtfol-
ge. Nicht um Gelehrtheit geht es, sondern um
eine exponierte Leitungsfunktion, die allerdings
ausschließlich Professoren und neuerdings auch
Professorinnen ausfüllen dürfen und deren Kon-
tinuität zur Schau gestellt werden soll.
Dem korporativen Moment der Professoren-
und Rektorenmemoria, die in der Regel nach
innen gerichtet ist und die Mitglieder der Uni-
versität adressiert, steht die Anerkennung indivi-
dueller wissenschaftlicher Leistungen im öffent-
lichen Raum gegenüber. In der Stadt Gießen ist
der Chemiker Justus Liebig der zentrale Prota-
gonist, dem vielfältig, anschaulich und nachhal-
tig Ehre zu Teil wird, bis hin zur Namensgebung
und auch visuell vermittelten corporate identity
der 1957 wieder eröffneten Volluniversität. Ne-
ben Liebig ist es vor allem Conrad Röntgen,
auch er ein Naturwissenschaftler, dessen bahn-
brechender Forschung mit einem eigenen Denk-
mal gedacht wird. Mit aktuellen Erinnerungsin-
itiativen wie den „Gießener Köpfen“ wird von
seiten der Stadt versucht, die Perspektive zu wei-
ten und gesellschaftlich integrativ anzusetzen.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Titel
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Herausgeber
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Datum
- 2018
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Abmessungen
- 18.5 x 26.0 cm
- Seiten
- 428
- Schlagwörter
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Kategorien
- Geschichte Chroniken