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164 AufderTour
späterweitereSpielstätten,etwadasNationalTheatreanderBoweryum1920.
AlsThomashefsky imJuli 1939 starb, kamen– trotz seinerberuflichenund
privatenSchwierigkeiten–TausendevonMenschenzuseinerBeerdigungund
feiertendengroßenTheatermacherundBegründerder jiddischenBühnein
Amerika.194
DasgegenseitigeDenunzieren,welchesThomashefskyameigenenLeiber-
fahrenmusste,wareinebeliebteStrategie inderEtablissementszene, sichun-
liebsamerKonkurrenzzuentledigen.MitdemsteigendenAngebotanUnter-
haltungseinrichtungen,nahmenauchdieAnzeigenunterdenDirektor*innen
undderDruck,Konzessionen zu erwerben, zu. „Wennder eineAgentmit
einemx-beliebigenDirektoreinGeschäftmacht, ranntederAnderesofortzur
Polizei, erstattetedortAnzeige,dasseinausländischerDirektorhierweilt,der
allerleiMädchen, subtituleSängerinen[!]engagiert [...].“195DerartigeAnzei-
genhattensich indenmeistenFällenals falschherausgestellt, jedochvielfach
auchzumEntzugvonKonzessionengeführt.VorallemVorbehaltegegenüber
ausländischenDirektor*innenundSchauspieler*innennahmenzu.
DieBühnealsZonedesÜbergangszwischenRollen
DieseRollenentwürfe inderpopulärenKulturundvorallemdas,wasdiese
Künstler*innenaufderBühneumsetzten,deutetezumeinenaufeine fürdie
ZeitverhältnismäßiggroßeGleichberechtigungzwischenMännernundFrau-
enhinundveranschaulichtzumanderen,dassdiepopulärenAufführungen
ÜbergangsbereichezwischenvermeintlichstarrgetrenntenGeschlechterkon-
stellationenzuließen.Diesemodernistisch-subversiveMöglichkeit fandihren
ultimativenAusdruckum1900 inder vondenKünstler*innenpopulär ge-
machtenPraxisdesGender-Bendings.DasoffeneThematisierenvonSexualität
unddiePraxisderRollentransgressionbrachnichtnurGeschlechternormen
auf, sondernrepräsentierteeineLockerungallgemeinerbinärerKonstruktewie
auch jeneseinervermeintlich jüdisch-nichtjüdischenDichotomie.Allgemein
wurdeSexualität imausgehenden19.und20. Jahrhundert,wiederHistori-
kerDavidBialekonstatiert, zueinemwesentlichenBestandteilderkulturellen
AuseinandersetzungmitdemJüdisch-Sein.196
NebendenvermeintlichsehrstereotypanmutendenZuschreibungenkam
denKünstler*inneninderpopulärenKultur–vorallemderRollederSoubret-
te–auchungeahnt subversivesPotential zu.Teil ihrerAufführungenwurde
es nämlich, auf der Bühne zunehmendMänner zu spielen. Es ginghierbei
194 NYT,1.7.1939,25.
195 IAR,24.3.1892,1.
196 DavidBiale,ErosandtheJews:FromBiblical Israel toContemporaryAmerica (Berkeley,
LosAngeles:UniversityofCaliforniaPress,1997),204–209.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur