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selbstverständlichalsMannundnichtalsFrauwahr;umdieneueKooperation
nichtzugefährden, spielt Itke,nunalsYidl,diesesSpielmit.DerUmstanddes
ReisenserleichtertwesentlichdenWechselzwischendenGeschlechtern.201
InderYidlmitnFidlkonntePiconimWechselderRollenzwischenMann
undFrauverschiedeneEbenenstrukturellerDiskriminierungen,denenJüdin-
nenundNichtjüdinnen ausgesetztwaren, thematisieren.Als Frauwirddie
Musikerinzunächst sodargestellt, dass ihreBerufs-undBewegungsfreiheit
Einschnitteerfährtundsienur inBegleitung–der ihresVatersundspäterauch
deranderenEnsemblemitglieder–reisenkann.DamitgreiftderFilmdieoben
dargestelltePanikauf,dassalleinreisendeFrauenderGefahrvonEntführung
undZwangsprostitutionausgesetzt seien.DieseAngst sprichtderVaterexplizit
anundgehtdeshalbschließlichmit seinerTochteraufReisen.Späterempfiehlt
er ihrdieVerkleidungalsMann,damit sie sicherreisenundalsMusiker*in ihr
Geldverdienenkönne.
Allerdingsbricht aucheinCharakterdiesesNarrativderPanikund führt
gleichzeitig diePluralität derPraxis desGender-Bendings vor: dieMusike-
rinTaube,die später zuderGruppehinzustößt. Sie ist durch ihreKleidung
undArtdesAuftrittsdeutlichalsFraumarkiert.MitTaubeerhältdieGruppe
sodannumgehendmehrAufmerksamkeit.ZweivermeintlicheAgentenwol-
len schließlichdieMusikerinabwerbenundzumStarmachen,umGeldan
ihrzuverdienen.Hierscheint imFilmwiederderDiskursumdiePanikvor
MädchenhändlernundderenvermeintlicheVerknüpfungmitderpopulären
Kulturauf.Es steht sogleichdieFrage imRaum,obdieMusikerinwohlnur in
einAbhängigkeitsverhältnisundspäter indieSexarbeitgelocktwerdenwürde.
DieseSorgebestätigtsichjedochnicht.TaubeentziehtsichderSituation, indem
siemit ihremFreunddavonläuftunderöffnetsoeineKarrierechance für Itke,
diediese (zunächstausVersehen)ergreift.
DieSzenevonYidls ‚Outing‘alsFrauisteinBühnenauftritt imTheater.Einer-
seitszeigt sichhier,wie ihreGeschichteaufderBühnezueinerunterhaltsamen
Gender-Performancewird. IhreErzählungüberdieGeschlechtertransgres-
sionennimmtdasPublikummitHumorundLeichtigkeitauf, es ist„köstlich
amüsiert“.AndieserSzenewerdenauchdieFreiheitendeutlich,diesichFrauen
aufdenBühnennahmen.WährendItkealsYidl imAlltag ihreIdentifikation
alsFrauverheimlichenmussoderzumindestdazuangehaltenwird,kannsie
aufderfiktivenBühnefreivonderSeele sprechen.Siezieltdabeider Inszenie-
rungnachgarnichtaufdieUnterhaltungdesPublikumsab.Soerzählt Itkes
AuftrittunfreiwilligetwasüberdieWahrnehmungvonFrauenundgibtsichim
201 Migration imKontextpopulärerUnterhaltungundGendermobilität ist alsForschungsdesi-
deratzusehen.ZuMigrationundQueerTheoriesieheEithenLuibhéid,„Queer/Migration:
AnUnrulyBodyofScholarship“,GLQ14,no.2–3(2008):169–190,174.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur