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Singen,SpielenundErzählendarüber,„wasmanunterwegsalleserlebt“ 189
anstellederMilch-dieSpiritusflaschezutrinken.DerMeisterechauffiert sich
überdieses„Missgeschick“undWenzl istgezwungen, sicheineneueArbeit
zusuchen.Dasgestaltet sichschwierigeralsgedacht.Überdieschrecklichen
Dinge,dieerertragenmuss, informierterdasPublikumübereine„Behandlung
mitdemspanischenRöhrl“und„[s]owas lasst sieaberabemnitgfallen,und
deswegenhabimirdenkt,packstdeinesiebenZwetschkenzsamm,undwirsta
Afrikareisender“.48
DeshalbsetzterseineMigrationfortundbegibtsichaufeine–fiktive–Reise
nachAfrika.BeiderungefährenVerortungdes fernenKontinentsgreifterauf
fürdasPublikumbekannteDistanzenzurück.DerWegnachAfrikasei ihm
zufolge„vielleichtnoamalsoweitwiebisaufGaslau“.Kaumimvermeintlichen
Afrika angelangt, kehrt sich die Perspektive auf das Essenumund erwird
selbst zurpotentiellenNahrung:Ein„böhmischerLöwe“undeinafrikanischer
Stammwollen ihn„fressen“.Wenzelhataber letztlichGlück,dennerkanndie
TochterdesHäuptlingsdurchsexuelleGefälligkeitenundeinEheversprechen
überzeugen, ihnfreizulassen.KauminSicherheitundzurückinEuropa,bricht
WenzelallerdingsdasEheversprechen,weil er sichdochumeine„Bähmin“[!]
umsehenwolle.
IndemStückDerAfrikareisende istdasMotivdesReisensinvielerleiHinsicht
mitMobilität verbunden.Zunächst amBeginnmitderderFigur implizier-
tenMigrationvonBöhmennachWienundmitdemSchauplatzwechselvon
WiennachAfrika.DanndientMobilitätderHorizonterweiterung,diedem
Protagonistenspäter, zurück inWien,zuRuhmverhilftundihn legitimiert, als
ErzählervoreinPublikumzutreten.VordemVersetzenderStereotypeaneinen
vermeintlichweitentferntenOrt, setzt sichdieSoloszene,wieschondaserste
vorgestellteStück,mitÜberbetonungenundmehrfachenÜberschreibungen
überdieDiskursederZeithinweg.Einerseits laufendieweitverbreitetenStereo-
typeüber„böhmischeKindermädchen“,„fauleBöhmen“,die„ewigmürrischen
Wiener“sowiedasLebenunddieMenscheninAfrika ineinander.Andererseits
brichtdiemehrfacheÜberlagerunggemeinsammitderSelbstpositionierung
und-repräsentationdieseStereotype.ImExotisierungsdiskursderZeitstehend,
imaginiertderals„ungebildeterBöhme“stigmatisierteCharakterdesHaupt-
protagonistendieMenschen inAfrikaals „menschenfressend“und„nackt“.
GleichzeitigschlägtaberaucheineAmbivalenzundIroniederSoloszenedurch.
Wenzl Jerabekbezeichnet sichumgekehrt selbstals„Bem“.Erbeschäftigt sich
als„Afrikanist“mitdem„ultimativFremden“.Erseiwiederum„ungefährlich“,
weil ereben„Bem“sei.DieAmbivalenzundIroniederFigurkommtalso im-
merwiederdurch, stelltdasStückdochindenRaum,vordemvermeintlich
„Fremden“nichtAngsthabenzumüssen.Außerdemversuchtesdieganzen
48 Ebda.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur