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200 Dieurbanen„Busentempel“alsMöglichkeitsräume
5.3 (Jüdischer)HumorundÄhnlichkeit
PopulärkulturwarundistabernichtnuranderReflexionundUmkehrvonSte-
reotypeninteressiert; sieversuchtebenso,einbreitesPublikuminihrenBann
zuziehen.WiegesellschaftspolitischeKritikenundsoziokulturelleAuseinan-
dersetzungenartikuliertwerden,musswohldurchdacht sein,umebenpopulär,
alsobeliebtbeieinemgrößerenPublikum,zuseinundzubleiben.78Daszwei-
teKapitel legtedieBedeutungvonAmüsement inderUnterhaltungumdie
Jahrhundertwendedar;es thematisierte jenenAnspruch,dassdieMenschen
unterhaltenwerdenundsichamüsierenwollten.Dasbedeutetumgekehrtaber,
dassdieStücke,umpopulär zusein,diesenZweckerfüllenmussten.79Dabei
auchkritisch, provokant unddirekt sein zukönnen, bedurfte eines großen
Talents.HättendieStückeundLiedernichtunterhalten,wäredieNachfrage
nach ihnenoderden jeweiligendiesevortragendenbeziehungsweiseverfas-
sendenKünstler*innen rasch gesunken.Das hätte denKünstler*innen die
Lebensgrundlageentzogen.WasmachtealsodiePopulärkulturamüsantund
wieübersetztendieKünstler*innenbrisante Inhalte,umkontroversielleBlicke
aufdieseverhandelnodergarGesellschaftskritikäußernzukönnen?
FürSigmundFreud (1856–1939)bedarfes,um„unterhaltenzuwerden“und
„sichzuamüsieren“verschiedenerAspekte.ErbenenntdreiArtendesAmüse-
ments:Witz,KomikundHumor.Zunächst trenntFreudzwischendemWitz
undderKomik:„DerWitzwirdgemacht,dieKomikwirdgefunden,undzwar
zuallererstanPersonen,erst inweitererÜbertragungauchanObjekten,Situa-
tionenu[nd]d[er]gl[eichen].“80WitzundKomiktretennichtausschließlich
78 Dasmeintnatürlichnicht,dassdieBeschreibungdieserStückebeziehungsweise ihreZuord-
nungzurPopulärkulturpersedenRückschlusserlaubenbeziehungsweise,dassargumentiert
werdenkann,dass siepopulärwaren.NachdemdiederartigenStrategiendesAufgreifensund
desAdaptierensvonMotivensowiedesUmgangsmitStereotypenkontinuierlichweiterbe-
standen, lässtdies jedochdenRückschlusszu,dassdieseStrategienerfolgreichwarenundder
PopularitätkeinenAbbruchtaten–vielleichtdiesesogar förderten.
79 Levine,HighbrowLowbrow,4–9und33.Levinebetont,dass ernicht zurgrundsätzlichen
AufgabedieserKategorienaufruft.VielmehrhinterfragterderenrigideErstellung. InVor-
stellungen betreffenddieHierarchisierung vonKultur sei die Frage der sozialenKlassen
omnipräsent. Levine fragt,warumetwanicht ein ästhetischesGefühl derGegenwart, die
AussagevonkulturellenAusdrucksformenundihreFunktionsweiseoderdieVerteilungeines
Kulturprodukts in dieBewertung (positiv)miteinbezogenwerde.WegweisendeArbeiten
publiziertehierzuJonathanHess,deretwadenZusammenhangzwischender ‚middlebrow‘
Literatur und deutsch-jüdischer Identität untersuchte. DieAuflösung dieserDichotomie
Hoch-undPopulärkulturbzw.highbrowund lowbrowwarstarkvonSorkinsArbeitenzur
HinterfragungvonMinderheitundMehrheitbeeinflusst.Hess,MiddlebrowLiterature,11–14.
80 SigmundFreud,DerWitzundseineBeziehungzumUnbewussten/DerHumor,herausgegeben
vonPeterGay[1905/1927](FrankfurtamMain:Fischer,2009),193.ZuFreudundGender
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Titel
- Auf die Tour!
- Untertitel
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Autor
- Susanne Korbel
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 272
- Kategorie
- Kunst und Kultur